Studien zeigen: Wer sich häufig einsam fühlt, hat ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen. Eine Expertin erklärt, warum das so ist und welche Gesundheitsrisiken konkret bestehen.
Rund jede zehnte Person in Deutschland ist von Einsamkeit betroffen.1 Das Phänomen tritt in allen Altersgruppen auf. Wie sich Einsamkeit auf die Gesundheit auswirken kann, wer besonders gefährdet ist und was gegen Einsamkeit hilft, zeigen wir in einer dreiteiligen Beitragsserie zum Thema.
Was ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist ein unangenehmes Gefühl. „Es beschreibt den Zustand, dass die tatsächlichen sozialen Beziehungen nicht den eigenen Wünschen entsprechen“, erklärt Nadja Weber. Sie ist Psychotherapeutin bei 360° Psychotherapie, einer Praxis mit mehreren Standorten in ganz Deutschland. Jemand kann viele Freunde haben und sich trotzdem einsam fühlen. „Die Qualität dieser Beziehungen ist entscheidend dafür, ob sich jemand einsam fühlt und nicht die Quantität.“ Entscheidend ist also die Qualität der Beziehungen.2
Einsamkeit ist keine Krankheit oder Diagnose. Psychisch belastend werde sie vor allem, „wenn es ein chronischer Prozess wird“ und Betroffene nicht das Gefühl hätten, „an diesem Zustand aktiv etwas verändern zu können“. Das könne an fehlenden Kompetenzen, Ideen oder Voraussetzungen für soziale Teilhabe liegen. Hinzu komme der Leidensdruck: Einsamkeit sei etwas, „worunter ich leide, was ich mir gerne anders wünsche“. Wer bereits Verschiedenes ausprobiert habe, brauche Unterstützung, schildert Weber.
Wie lässt sich Einsamkeit von Alleinsein und sozialer Isolation unterscheiden?
Die drei Begriffe werden manchmal übergreifend verwendet, bedeuten aber Unterschiedliches. Soziale Isolation meint den objektiven Mangel an sozialen Kontakten – ein Mensch hat folglich wenige Sozialkontakte. Eine Person ist wenig eingebunden, kann sich deshalb einsam fühlen, mit wenigen Kontakten aber auch zufrieden sein. Sie gilt als Risikofaktor für Einsamkeit.
Alleinsein ist daher nicht gleichbedeutend mit einsam. Man kann alleine sein und sich dennoch nicht einsam fühlen. Andersherum kann man auch unter Menschen sein und sich dennoch einsam fühlen.3
Wann wirkt sich Einsamkeit negativ auf die Gesundheit aus und wie?
Chronische Einsamkeit kann als sozialer Stressor wirken. Das Erleben von Einsamkeit könne im Körper eine „ähnliche Stressreaktion“ auslösen wie „tatsächliches Verlassensein“, erklärt Nadja Weber. Evolutionsbiologisch sei das nachvollziehbar: Der Mensch sei ein soziales Wesen und komme „sehr unfertig auf die Welt“ – also angewiesen auf die Unterstützung von Bezugspersonen. Fehle diese Unterstützung, werde das vom „inneren System“ als „maximal bedrohlich“ erlebt. Deshalb gehe es bei Einsamkeit „nicht um eine kleine Befindlichkeitsproblematik“, sondern um eine Erfahrung, die für das innere Erleben „schwerwiegend“ sein könne und weitreichende Folgen habe.4 Einsame Menschen empfinden häufiger Stress. Einsamkeit und Stress können sich verstärken. Hinweise gibt es auf einen Einfluss auf Cortisol und andere Stressreaktionen; die Forschung ist noch nicht eindeutig.5 Außerdem wird Einsamkeit mit entzündlichen Prozessen im Körper in Verbindung gebracht.6
Menschen, die sich einsam fühlen, berichten häufiger über Schlafprobleme und Schlaflosigkeit. Umgekehrt können anhaltende Schlafprobleme Einsamkeitsgefühle verstärken. Beide Prozesse können sich daher gegenseitig aufschaukeln.7
Welche Gesundheitsrisiken entstehen durch Einsamkeit?
Besonders die Beziehung zwischen Einsamkeit und Depressionen wurde untersucht. Einsamkeit könnte spätere depressive Symptome begünstigen. Zugleich können sich Menschen mit Depressionen zurückziehen und dadurch einsamer fühlen. Wahrscheinlich besteht eine wechselseitige Beziehung. „Es ist hier schwierig zu sagen, was Henne ist und was Ei“, schildert Nadja Weber. Depressionen hätten meist mehrere Ursachen.8
Einsamkeit scheint auch aufs Herz zu gehen: Menschen, die sich einsam fühlen oder wenige soziale Kontakte haben, entwickeln offenbar häufiger eine koronare Herzkrankheit – eine Erkrankung der Herzkranzgefäße – oder erleiden einen Schlaganfall. Ihr Risiko ist etwa 30 Prozent höher. Auch das Risiko für Herzinsuffizienz scheint erhöht; Hinweise gibt es auf Zusammenhänge mit Demenz und Typ-2-Diabetes.9
Einsamkeit steht außerdem mit einer höheren Sterblichkeit in Zusammenhang. Eine US-Studie mit mehr als 9.000 Menschen ab 50 Jahren zeigte: Wer wiederholt über Einsamkeit berichtete, hatte in den folgenden 15 Jahren ein bis zu 16 Prozent höheres Sterberisiko als Menschen, die sich nie einsam fühlten. Das bedeutet nicht, dass 16 von 100 einsamen Menschen zusätzlich sterben, sondern dass es dort statistisch häufiger Todesfälle gab. Sie beweist nicht, dass Einsamkeit allein die Ursache ist. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachtet Einsamkeit und soziale Isolation als weltweites Gesundheitsproblem und bringt sie mit rund 880.000 Todesfällen pro Jahr in Verbindung.10
Einsamkeit betrifft viele Menschen. Wer besonders gefährdet ist und was gegen Einsamkeit hilft, erfahren Sie in den weiteren Artikeln über Einsamkeit.