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Gehirn: Wie können wir behalten und vergessen?

von Theresa Boenke | 09.02.2021
4min Lesezeit

Das Gedächtnis ist ein bemerkenswerter Speicherort im Gehirn. Alle Informationen, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, gelangen hinein. Aber nicht alle bleiben auch dort.

Der erste Kuss. Die Führerscheinprüfung. Der tägliche Weg zur Arbeit. Die Telefonnummer der Eltern. Angela Merkels Gesicht. Der Geschmack von Omas Pfannkuchen. Der Geruch von Kaffee. Das Lachen der besten Freundin. An solche Erlebnisse, Anblicke, Geschmäcker, Gerüche oder Klänge erinnern Sie sich bestimmt. Sie kennen sie. Aber wissen Sie auch noch, wie der dritte nach dem ersten Kuss war? Wie der Mensch aussah, der vor Ihnen beim letzten Einkauf im Supermarkt in der Schlange stand? Oder wie der Jingle klang, der gerade noch im Radio lief? Möglicherweise ja. Ziemlich wahrscheinlich aber nicht.
Gedächtnis bezeichnet die Fähigkeit der Nervensysteme, aufgenommene Informationen zu speichern und wieder abzurufen. Es ist das Ergebnis von bewussten und unbewussten Lernprozessen – ein Ort, in dem Erinnerungen gespeichert werden. Und dennoch ist das Gedächtnis an keiner zentralen Stelle im menschlichen Gehirn lokalisiert. Vielmehr ist ein Netzwerk von Nervenzellen in verschiedenen Gehirnarealen im Einsatz.

Drei Stationen bis zur Erinnerung

Hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen – jegliche Sinnesreize gelangen als Information über die Nervenzellen ins Gehirn. Ob unwichtig oder wichtig, das ist erst einmal egal. Um die derartige Flut an Wahrnehmungen – es sind etwa 10 Millionen Signale pro Sekunde – unter Kontrolle zu bekommen und den Erinnerungs-Pool nicht zu überlasten, besteht das Gedächtnis aus drei Hauptsystemen.

1. Sensorisches Gedächtnis/ Ultrakurzzeitgedächtnis

Die erste Station ist das Sensorische Gedächtnis, auch Ultrakurzzeitgedächtnis genannt. Hier schlagen alle Wahrnehmungen auf. Es hilft uns zum Beispiel auf der Autofahrt dabei, uns daran zu erinnern, gerade ein Tempolimit-Schild gesehen zu haben, oder die Worte vom Partner wiederholen zu können, ohne zugehört zu haben. Aber dieses Gedächtnis ist eben ultrakurz und so bleiben die Informationen nur 0,1 bis 2 Sekunden gespeichert. In diesem kleinen Zeitfenster bewertet das Gedächtnis eine eingetroffene Info und entscheidet, ob sie relevant ist oder gelöscht wird.

2. Kurzzeitgedächtnis

Während das Ultrakurzzeitgedächtnis wieder Platz für neue Wahrnehmungen gemacht hat, treffen Infos, die von mehr Interesse sind, im nächsten System ein: im Kurzzeitgedächtnis oder auch Arbeitsgedächtnis genannt. Dieser Speicherort ist ebenfalls nur begrenzt groß, die Infos werden hier für Sekunden bis Minuten aufbewahrt. Das Kurzzeitgedächtnis ist dazu da, Informationen wiederzugeben, sie sich aber nicht einzuprägen. Welchen Namen hat der Anrufer gerade am Telefon gesagt? Wo habe ich die Kaffeetasse gerade abgestellt?

3. Langzeitgedächtnis

Das, was relevant ist und länger oder sogar dauerhaft gespeichert werden soll, gelangt ins Langzeitgedächtnis. Dieses wird noch einmal unterteilt. Man unterscheidet zwischen dem deklarativen und dem prozeduralen Gedächtnis. Kurz gesagt, befinden sich hier gespeicherte Infos, die uns bewusst oder unbewusst zur Verfügung stehen. Das deklarative Gedächtnis speichert bewusst zugängliche Informationen. Das sind zum einen Ereignisse und Fakten, die zur eigenen Biografie gehören (episodisches Gedächtnis), wie der besagte erste Kuss oder die Fahrschulprüfung; und zum anderen Welt- und Faktenwissen (semantisches Gedächtnis) wie Berufskenntnisse, geschichtliches, politisches und anderes fachliches Wissen. Das prozedurale Gedächtnis umfasst dagegen alle Fertigkeiten, die in der Regel automatisch und unbewusst eingesetzt werden. Fahrrad fahren, das Tanzbein schwingen, Ski fahren oder einfach einen Fuß vor den anderen setzen – Bewegungsabläufe, die durch indirektes Lernen erworben werden.

Wiederholungen und Emotionen helfen beim Merken

Das Langzeitgedächtnis kann man sich wie einen Speicher von Millionen von Einträgen vorstellen. Auch sie sind einer Art Bewertung unterworfen, die darüber entscheidet, wie zuverlässig und „aktiv“ sie abgespeichert werden. Zum einen spielt die Anknüpfbarkeit einer neu eingetroffenen Information eine Rolle. Ist sie vielleicht schon bekannt, also ist sie ein Reiz, der bereits gespeicherte gleiche oder ähnliche Infos bestätigt? Wenn ja, dann wird diese verfestigt oder ergänzt: Ein Lerneffekt also, der zeigt, dass man sein Gedächtnis mit Wiederholungen trainieren kann.

Ein weiterer wichtiger Beurteiler der Informationen ist das limbische System im Gehirn, das an der Entstehung der Gefühle beteiligt ist. Es stellt quasi Fragen an die Wahrnehmung und bewertet sie danach: Bist du wichtig? Bist du besonders lustig, spannend, traurig, schockierend oder überraschend? Bist du gut oder schlecht? Emotional aufgeladene Wahrnehmungen, die eventuell sogar mit weiteren Sinnesreizen verknüpft sind, werden ziemlich sicher im Langzeitgedächtnis konserviert. Ein besonderer Glücks-, Schreckens- oder Erfolgsmoment ist so eindrücklich, dass er abgespeichert wird. Man merkt sich aber auch viel besser Dinge, für die man sich begeistert und interessiert. Das erklärt zum Beispiel auch, warum es einem in der Schule, Ausbildung oder im Studium einfacher fiel, manchen Lernstoff zu lernen, als anderen.

Zusammengefasst heißt das: Der Mensch speichert in seinem Langzeitgedächtnis Infos, die in seinem Leben wichtig sind, mit Gefühlen verbunden sind oder regelmäßig abgerufen werden. Je stärker dabei die emotionale Beteiligung ist, desto langfristiger die Speicherung.

Warum wir vergessen?

Diese Frage konnte von der Forschung leider bis heute noch nicht eindeutig beantwortet werden. Manche meinen, dass Erinnerungen mit der Zeit verblassen oder Details verloren gehen, die für die Zusammensetzung einer Erinnerung wichtig wären. Eine andere Theorie geht davon aus, dass bestimmte Informationen vergessen werden, weil sie von neuen Eindrücken überlagert oder gestört werden.

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