Manche kennen es: Beim Aufstehen schwankt alles, die Knie werden weich, der Kopf rauscht – plötzlich ist der Kreislauf im Keller. Ein niedriger Blutdruck, medizinisch Hypotonie, ist unangenehm, aber in den meisten Fällen harmlos.
Als „niedrig“ gelten Blutdruckwerte dauerhaft unter etwa 100/60 mmHg (mmHg = Millimeter Quecksilber) bei Frauen oder 110/70 mmHg bei Männern. Normal liegen die Werte bei etwa 120/80 mmHg, mit individuellen Schwankungen. Entscheidend ist, ob Beschwerden auftreten – nicht allein die Zahlen.
„In der Regel ist Hypotonie völlig harmlos – wenn keine andere Grunderkrankung vorliegt“, betont der Kardiologe Prof. Dr. Axel Schmermund. Im Gegensatz zum Bluthochdruck ist niedriger Blutdruck selten gefährlich für Herz und Gefäße. Bei jungen oder sportlich aktiven Menschen kann er sogar Ausdruck eines gut funktionierenden, trainierten Herz-Kreislauf-Systems sein – der Körper arbeitet effizienter und benötigt weniger Druck, um Gewebe zu durchbluten.
So funktioniert unser Kreislauf
Das Herz pumpt stetig Blut durch die Arterien. Der systolische Wert (der obere) zeigt den Druck an, wenn das Herz Blut ausstößt, der diastolische Wert (der untere) misst den Druck bei der Entspannungsphase. Beide Werte zusammen ergeben den Blutdruck.
Feine Sensoren in den Gefäßwänden der Halsschlagadern und der Aorta – die sogenannten Barorezeptoren – überwachen ihn dauerhaft. Wird der Druck zu niedrig, beschleunigt das Herz und die Gefäße ziehen sich zusammen, um den Kreislauf zu stabilisieren. Manchmal arbeitet dieser Regelmechanismus etwas träge. Das kann zum Beispiel passieren bei Flüssigkeitsmangel, Hitze oder plötzlichem Aufstehen. Besonders junge, schlanke Menschen – meist Frauen – und sportliche Personen erleben dann zeitweise Kreislaufschwäche oder niedrige Blutdruckwerte. „Auch Ärztinnen und Ärzte sehen darin meist keinen Grund zur Sorge“, sagt Schmermund.
Ursachen und Formen des niedrigen Blutdrucks
Wenn keine Grunderkrankung vorliegt, sprechen Fachleute von einer primären Hypotonie – einer meist harmlosen Form, die oft familiär bedingt ist. Tritt der niedrige Blutdruck dagegen als Begleiterscheinung anderer Krankheiten auf, etwa bei Herzschwäche, hormonellen Störungen der Schilddrüse oder Nebennieren, Blutarmut (Anämie) oder Nervenerkrankungen wie Parkinson, sprechen Ärztinnen und Ärzte von einer sekundären Hypotonie. Mit fortschreitendem Alter entsteht häufig eine orthostatische Hypotonie: Beim Aufstehen sackt der Blutdruck kurzfristig ab, das Blut sammelt sich in den Beinen – Schwindel, Zittern oder Schwarzwerden vor Augen sind typische Folgen. „Gerade ältere Menschen können dabei stürzen“, warnt Prof. Schmermund. Auslöser sind oft Flüssigkeitsmangel oder auch Medikamente.
Eine weitere Sonderform ist die postprandiale Hypotonie, bei der der Blutdruck nach dem Essen sinkt. Vor allem Ältere oder Menschen mit Diabetes spüren dann Schwindel oder Benommenheit. Kleinere Mahlzeiten und etwas Bewegung können helfen, den Blutdruckabfall abzumildern.
Niedriger Blutdruck – Symptome erkennen
Nicht immer zeigt sich niedriger Blutdruck mit Symptomen. Kommt es bei Betroffenen jedoch zu Beschwerden, zeigen diese sich unter anderem in Form von:
- Schwindel oder Benommenheit, vor allem beim schnellen Aufstehen
- Flimmern oder Schwarzwerden vor den Augen
- Müdigkeit, Konzentrationsstörungen
- Kalte Hände und Füße
- Herzklopfen oder Übelkeit
- in ausgeprägten Fällen kurzzeitige Ohnmacht (Synkope)
Solche Anzeichen treten besonders häufig bei Wetterumschwung, großer Hitze oder nach Lagewechsel auf. Akut drohen Stürze, langfristig kann eine chronische Kreislaufschwäche die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Kommt es gleichzeitig zu einem hohen Puls, handelt es sich um eine typische Kompensationsreaktion des Körpers: Durch den schnelleren Herzschlag versucht der Körper, den verminderten Blutdruck auszugleichen und die Durchblutung aufrechtzuerhalten.
Wann sollte man zum Arzt?
Viele Menschen leben problemlos mit einem niedrigen Blutdruck – manche sogar mit Werten unter 90/60 mmHg. „Für junge, gesunde Menschen gilt niedriger Blutdruck meist als unbedenklich“, führt Prof. Schmermund aus.
Treten jedoch regelmäßig Beschwerden auf, sollte das ärztlich abgeklärt werden: „Wenn Symptome auftreten, beispielsweise morgens nach dem Aufstehen der Blutdruck stark absackt oder es gar immer wieder zu Ohnmachtsanfällen kommt, würde ich dazu raten, die Hypotonie ärztlich abklären zu lassen“, so der Kardiologe.
Wichtig ist das vor allem:
- bei wiederkehrenden Ohnmachtsanfällen,
- bei Brustschmerzen, Atemnot oder Herzrasen,
- bei bekannten Herz- oder Schilddrüsenerkrankungen,
- bei neuen Medikamenten, die Einfluss auf den Kreislauf haben.
„Es sollte ausgeschlossen werden, dass eine sekundäre Ursache vorliegt – die sind selten, treten aber häufiger bei älteren Menschen auf“, ergänzt Schmermund.
Wie wird niedriger Blutdruck festgestellt?
In der Arztpraxis wird der Blutdruck mehrfach gemessen – idealerweise zu unterschiedlichen Tageszeiten und in Ruhe. So erkennt man, ob sich niedrige Blutdruckwerte regelmäßig zeigen oder nur vorübergehend auftreten.
Bei Bedarf kann die Ärztin oder der Arzt weitere Untersuchungen veranlassen, um Herz oder Hormonstörungen auszuschließen. Eine Langzeit-Blutdruckmessung kann helfen, Schwankungen über den Tag hinweg zu beobachten.
Praktischer Tipp für zu Hause:
Wer seinen Blutdruck regelmäßig selbst misst, lernt den eigenen Körper besser kennen. Ideal ist es, morgens und abends im Sitzen zu messen, die Werte zu notieren und über mehrere Tage zu beobachten. So erkennen man, ob der Blutdruck zu niedrig bleibt oder einfach schwankt.
Niedriger Blutdruck – was hilft wirklich?
Die gute Nachricht: Meist lässt sich niedriger Blutdruck mit einfachen Mitteln in den Griff bekommen – ohne Medikamente. „Zuerst würde man ganz einfache Maßnahmen ergreifen“, erklärt Schmermund. Dazu gehören:
- Ausreichend trinken: Etwa zwei bis zweieinhalb Liter täglich, vorzugsweise Wasser oder ungesüßter Tee, auch schwarzer Kaffee ist problemlos möglich.
- Regelmäßig bewegen: Vor allem Ausdauer‑ und Krafttraining: „Gerade Frauen profitieren sehr von gezieltem Krafttraining“, so der Experte.
- Langsames Aufstehen: Erst kurz auf der Bettkante sitzen.
- Beine beim Sitzen oder Stehen gelegentlich hochlegen oder anspannen, um die „Muskelpumpe“ zu aktivieren.
- Kompressionsstrümpfe bei Neigung zu orthostatischer Hypotonie.
- Kneipp oder Wechselduschen: fördern die Gefäßspannung und ist für junge, gesunde Menschen kein Problem. Prof. Schmermund ergänzt jedoch: „Personen, die sehr wechselhafte Blutdruckwerte haben – also sehr hohe und dann wieder sehr niedrige – sollten hier vorsichtig sein, da bei Kälte der Blutdruck stark ansteigt und das Kreislaufsystem zusätzlich belastet wird.“
- Hitze, langes Stehen und heiße Bäder vermeiden
Zur Salzaufnahme äußert sich Prof. Schmermund zurückhaltend: „Eigentlich nehmen wir über die Ernährung genug Salz zu uns. Bei ganz niedrigem Blutdruck kann man es mal versuchen, aber Salztabletten sind wegen möglicher Effekte auf den Natriumhaushalt nicht zu empfehlen.“
Wenn einfache Maßnahmen nicht ausreichen, kommen erst in einem letzten Schritt Medikamente infrage – zum Beispiel das Sympathomimetikum Midodrin. Dieses wirkt gefäßverengend und erhöht so den Blutdruck.
Kreislauf stärken im Alltag
Mit kleinen Routinen lässt sich niedriger Blutdruck gut ausgleichen:
- Den Tag mit einem Glas Wasser beginnen.
- Viel trinken und elektrolythaltige Getränke wählen.
- Kleiner, aber regelmäßiger essen, um Kreislaufschwankungen zu vermeiden.
- Bewegungsübungen zwischendurch, vor allem an heißen Tagen.
- Ausreichend schlafen – und Alkohol nur in Maßen genießen.
Niedriger Blutdruck: Meist harmlos, aber spürbar
Ein niedriger Blutdruck ist in den meisten Fällen harmlos und sogar ein Zeichen für gute Gefäßelastizität. Trotzdem gilt: Beschwerden ernst nehmen. Mit Bewegung, Flüssigkeit und gezieltem Kreislauftraining lässt sich ein Blutdruckabfall in den Griff bekommen – ganz ohne Medikamente. Wer die eigenen Werte kennt und auf Körpersignale achtet, fühlt sich sicherer und lebt beschwerdefrei. Bei Symptomen ist ärztliche Absprache geraten.