Jährlich kostet eine Sepsis allein in Deutschland 85.000 Menschen das Leben. Sie ist damit eine der häufigsten Todesursachen. Nur was eine Sepsis genau ist, wissen die wenigsten.
Schon eine kleine Infektion kann das Immunsystem außer Kontrolle bringen. Sepsis, im allgemeinen Sprachgebrauch Blutvergiftung genannt, zählt zu den häufigsten Todesursachen1 in Deutschland – und ist in dem Sinne keine Vergiftung. Schätzungen zufolge erkranken daran jedes Jahr mindestens 230.000 Menschen 2. Die Erkrankung kann aus nahezu jedem Infekt hervorgehen – vom Harnwegsinfekt über die Lungenentzündung bis zur entzündeten Wunde. Entscheidend ist weniger der Erreger als die fehlgeleitete Immunreaktion: Gerät die Abwehr außer Kontrolle, kippen Mikrozirkulation, Kreislauf und Stoffwechsel. Organe wie Niere, Herz oder Lunge werden in Mitleidenschaft gezogen – und das kann bis hin zum Organversagen führen.
Wie macht sich eine Sepsis bemerkbar?
Sepsis ist ein Chamäleon: Die Anzeichen sind vieldeutig, häufig überlagert von den Symptomen der auslösenden Infektion – ein Grund, warum die Erkrankung in der frühen Phase häufig übersehen wird: „Sepsis ist schwieriger zu erkennen als ein Herzinfarkt oder Schlaganfall“, bestätigt Dr. Matthias Gründling, Leiter der Arbeitsgruppe Klinische Sepsisforschung der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Greifswald. Tückisch: Ohne frühzeitige Therapie drohen schwere Komplikationen bis hin zum Organversagen und Tod.
Was sind die ersten Anzeichen einer Sepsis?
Folgende Symptome, allein oder in Kombination, sollten immer ernst genommen werden3:
- Starkes, „nie gekanntes“ Krankheitsgefühl, ggf. extreme Schmerzen
- Fieber oder Schüttelfrost (Sepsis ist auch ohne Fieber möglich)
- Schneller Herzschlag (Tachykardie)
- Beschleunigte, flache Atmung
- Niedriger Blutdruck
- Bewusstseinsveränderungen: Desorientierung, Verwirrtheit, Unruhe, Schläfrigkeit
- Verminderte Urinausscheidung trotz ausreichender Flüssigkeitszufuhr
- Zusätzliche Infektzeichen je nach Ursprung (z. B. Schmerzen/Brennen beim Wasserlassen, Kopfschmerz und Nackensteife)
Was sind die Anzeichen auf der Haut bei einer Blutvergiftung?
Ein verbreiteter Irrtum betrifft den „roten Strich“ von einer Wunde aus.4 Dabei handelt es sich in der Regel um eine Lymphangitis – eine Entzündung der Lymphgefäße als Zeichen einer lokalen Infektion. Das ist ernst zu nehmen und behandlungsbedürftig, gilt jedoch nicht als Beweis für eine Sepsis. Wie jede Infektion kann auch eine Lymphangitis in ungünstigen Fällen in eine Sepsis übergehen – je früher die Versorgung, desto geringer das Risiko. Eine Sepsis zeigt sich auf der Haut mitunter als kleine rote Hautflecken, die zusammenfließen zu dunkelroten-bläulichen Flecken, manchmal sind auch blutgefüllte Bläschen sichtbar. Eine Veränderung der Haut hin zu feucht-kalt, marmoriert oder bläulich-fleckig ist ebenfalls verdächtig.
Wenn der Verdacht auf Sepsis besteht, ist der Weg der Diagnosestellung kompliziert: „Ein einzelner Laborwert, der Sepsis zweifelsfrei beweist, existiert nicht“, erklärt Sepsis-Experte Gründling. „Ärztliche Teams beurteilen Vitalzeichen und Organfunktionen und sichern den Infektionsverdacht mit Laborparametern. Blutkulturen vor Therapiebeginn erhöhen die Chance, die Erreger zu identifizieren und die Behandlung gezielt anzupassen. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Computertomographie helfen darüber hinaus, verborgene Infektionsherde und Eiteransammlungen aufzuspüren. Nicht selten bleibt der Ausgangspunkt der Infektion dennoch unklar – dann zählt umso mehr das strukturierte Vorgehen.
Wie lässt sich eine Sepsis behandeln?
Die Therapie ist ein Wettlauf mit der Zeit. Neben der Stabilisierung des Gesamtzustandes mit Infusionen, Sauerstoffgabe bis hin zur Beatmung zählt die Organunterstützung wie Dialyse bei Nierenversagen. Parallel beginnt die Antibiotikagabe, die – wenn möglich – innerhalb der ersten Stunde nach Sepsisverdacht erfolgen sollte. „Sobald bekannt ist, um welchen Erreger es sich handelt, wird die Medikation gezielt angepasst“, sagt der Experte.5 Darüber hinaus werden, wenn möglich, Wunden geöffnet, Eiter entfernt, infizierte Implantate gewechselt – all das kann entscheidend sein, um die Entzündungsspirale zu durchbrechen.
Problem der Sepsis ist der zerstörerische Verlauf des außer Kontrolle geratenen Immunsystems6: Entzündungsbotenstoffe aktivieren die Blutgerinnung, was die Verstopfung kleinster Gefäße verursachen kann und die Versorgung des Gewebes nicht mit Sauerstoff behindert. Das begünstigt Organversagen und erklärt in seltenen, besonders schweren Verläufen auch dramatische Spätfolgen wie Amputationen nach ausgedehnten Durchblutungsstörungen.
Wer ist besonders gefährdet für eine Sepsis
Betroffen sind häufig 7
- Menschen mit geschwächter Immunabwehr, zum Beispiel mit Diabetes, Krebserkrankungen oder unter immunsuppressiven Medikamenten
- Personen über 60 Jahre
- Neugeborene und Frühgeborene
- Frisch Operierte
- Patientinnen und Patienten auf Intensivstation
- Menschen ohne Milz
- Trägerinnen und Träger von Implantaten/Fremdmaterial (z. B. Hüft-/Knieprothesen, Herzschrittmacher)
Prävention beginnt im Alltag: Impfungen gemäß Empfehlungen, Händehygiene, sorgfältige Wundversorgung und die konsequente Behandlung auch vermeintlich kleiner Infektionen.8 Wer chronische Erkrankungen gut einstellt und Heilungsverläufe aufmerksam beobachtet, senkt sein Sepsisrisiko deutlich. „Hygiene, Wundpflege und Impfungen sind einfache und wirksame Maßnahmen der Vorsorge“, sagt der Experte. „Infektionen rechtzeitig zu behandeln verhindert, dass die Immunreaktion außer Kontrolle gerät“. Bei Infekt plus Warnzeichen zählt jede Minute.
Viele der Betroffenen, die eine Sepsis überlebt haben, erleiden Spätfolgen und kämpfen danach mit anhaltender Schwäche, Muskelkraftverlust, Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen sowie seelischen Folgen wie Angst oder Depression. Auch das Abwehrsystem kann vorübergehend „erschöpft“ sein, sodass Infekte leichteres Spiel haben. Nicht nur die Infektion selbst, sondern die extreme Gesamtreaktion des Körpers und die Strapazen der Intensivbehandlung hinterlassen Spuren.9