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hat, ist seine erste Frage: „Kann ich noch
Fußball spielen?“ Es braucht sechs Wo-
chen Krankenhausaufenthalt, bis seine
Blutwerte wieder halbwegs normal sind.
Dann folgt das, was Christoph „damit
zurechtkommen“ nennt.
Er sucht sich einen Diabetologen und
beginnt das Leben mit Diabetes Typ 1.
Das bedeutet, mehrmals am Tag den
Blutzuckerspiegel zu messen und sich
mehrmals am Tag das benötigte Insulin
zu spritzen. Kein beiläufiger Griff mehr
in die Chipstüte, nicht mal eben bei
McDonald’s reingesprungen. Wir fragen,
wie das ist, wenn man 30 Jahre lang frei
gelebt hat. Christoph überlegt kurz, zuckt
dann mit den Achseln: „Ich hab’s, ich
muss damit klarkommen. Ende.“
Sein Diabetologe sagte zu ihm: „Lassen
Sie den Diabetes nicht Ihr Leben bestim-
men. Integrieren Sie den Diabetes in Ihr
Leben.“ Und das ist Christoph gelungen.
Als er sein neues Leben begann, machte
er Sport, viel Sport, trotzig viel Sport,
wie er sagt. Viermal die Woche Fußball
spielen, Jogging, Fitness-Studio, volles
Programm. Er hatte ein Buch geschenkt
bekommen, „Rote Karte für Diabetes“,
vom damaligen Torhüter von Mainz
05, Dimo Wache. Ein Keeper der
ersten Bundesliga, Typ-1-Diabetiker.
Für Christoph als leidenschaftlichen
Fußballer Hilfe und Ansporn. Inzwi-
schen hat Christoph den Diabetes in sein
Leben integriert. Er hat Frau und Kind,
einen tollen Job, macht Sport, aber
nicht übertrieben. Klar geht er noch
zu McDonald’s. Bevor er in den Burger
„Ich hab‘s, ich muss damit
klarkommen. Ende.“
Wir besuchen Christoph, einen 37-jäh-
rigen Grafikdesigner und Layouter aus
dem Ruhrgebiet. Die Geschichte, die
er zu erzählen hat, ist alles andere als
alltäglich. Als er 30 Jahre alt war, erfuhr
sein Leben einen Bruch und eine große
Wende.
„Ich habe 30 Jahre lang gesund gelebt“,
sagt er, „ohne Diabetes zu haben. Dann
fing es an, dass ich immer müde war. Ich
hab am Tag 8, 9 Liter Wasser getrunken,
hab im Prinzip noch die Arbeit auf die
Reihe gekriegt und bin dann nach Hause
zum Schlafen.“ Er ist ein aktiver Mensch,
leidenschaftlicher Fußballspieler, und
kann das nicht einordnen. Schließlich
geht er zu seiner Hausärztin, die eine
Kehlkopfentzündung diagnostiziert
und ihm Antibiotika verschreibt. Am
Ende der Woche fliegt er nach Mallor-
ca, die Beschwerden gehen nicht weg,
am zweiten Tag muss er den Notdienst
kommen lassen. Der Arzt bestätigt die
Diagnose der Kehlkopfentzündung und
empfiehlt Fruchtsäfte, so viel wie möglich
… Christoph befolgt die Empfehlung,
und irgendwann reißt seine Erinnerung
ab. Er erwacht drei Tage später auf der
Intensivstation eines spanischen Kranken-
hauses aus dem Koma. Seine Blutzucker-
werte hatten lebensbedrohliche Ausmaße
erreicht, die Ärzte sagen ihm, dass sie ihn
gerade noch zurückholen konnten und
dass er das nur überlebt habe, weil er ein
durchtrainierter Sportler in extrem guter
Kondition war. Als seine Mutter ihm in ei-
ner ruhigen Minute sagt, dass er Diabetes
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gesund sein
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