Inform 3 / 2013 - page 6

03|2013
kam Women’s Lib und schließlich die Ein-Kind-
Ehe – wenn überhaupt, denn wenn frau sich mit
Anfang 40 für die geschlechtliche Fortpflanzung
bereit fühlte, war es nicht selten zu spät dafür.
Der Zahn der Zeit hatte am Hormonspiegel und
an der Fortpflanzungsfähigkeit genagt und auch
die Wunder der Reproduktionsmedizin konn-
ten nicht immer ein Hintertürchen öffnen. Die
Planbarkeit der Mutterschaft führte dazu, die
Kindheit als ein ebenfalls planbares bzw. ver-
planbares oder gestaltbares „Topic“ zu betrach-
ten – und die Kinder somit als Verfügungsmasse
elterlichen Gestaltungsdranges.
Bei allen segensreichen Features der Empfäng-
nisverhütung hatte diese auch einen Nachteil:
Mit der Planbarkeit von Empfängnis und Geburt
(Was darf es sein: Kaiserschnitt oder irgendwas
im Wasser?) begann man, auch an die Planbar-
keit der Kindheit zu glauben. Natürlich wünscht
man sich Kinder, die zu einem passen. Schon der
Name des Kindes darf gern den höheren sozia-
len Status ausdrücken. Allein diese Wahl erfor-
dert einen gewissen Aufwand, werden doch die
Errungenschaften der Eliten wie Smartphones
oder Nerdbrillen in der Regel schnell von der
Unterschicht adaptiert. Bei der Namensgebung
heißt es also Weitblick zeigen, sonst kann man
das mit der höheren Schule ganz schnell verges-
sen. So werden Kinder sukzessive zu einem Me-
dium, mit dessen Hilfe Eltern ihre Persönlich-
keit ausdrücken können. Interessant ist, womit
Eltern die „Projektionsfläche Kind“ füllen.
Utopia ist zum Greifen nah
Was früher der Scheitel war, ist heute die hand-
gestrickte Pudelmütze – eine Verständigung über
gesellschaftliche Standards. Der Unterschied
ist, dass man dereinst über Scheitel und Zöpfe,
Diener und Knickse nicht viel nachdenken
musste, denn dies waren weithin akzeptierte
Normen. Daneben existierte nur Chaos und
Querulantentum. Mit der Pluralisierung der
Lebensentwürfe ergab sich jedoch eine Vielzahl
an Handlungs- und Repräsentationsoptionen.
Es entstand gewissermaßen die Notwendig-
keit, nicht nur für sich, sondern auch für die
eigene Nachkommenschaft einen Standpunkt
gleichsam zu „entwickeln“ und diesen mittels
kultureller Codes auszudrücken. Die Werbe-
industrie schlägt uns hierfür das Dinghafte vor,
das Kleidungsstück, die Frisur, das Möbel und
mitunter sogar das Design kleiner Törtchen,
auch Cupcakes genannt. Dass eine Haltung
nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sein
muss, kommt vielen Menschen ja gar nicht mehr
in den Sinn. Das Präsentieren ist ihnen zur zwei-
ten Natur geworden.
Was Eltern aber präsentieren, was sie ausdrü-
cken und sich für ihre Kinder wünschen, ist aller
Ehren wert. Der Dresscode ihrer Kinder steht
für eine Ablehnung der Globalisierung, für die
Besinnung auf lokale, handwerkliche Produk-
tion. Er geht zurück auf eine Zeit, als die Welt
noch in Ordnung war, die Pullover aus kratziger
Wolle waren und die Kleider selbst genäht. Es ist
die Sehnsucht nach der Intimität der dörflichen
Gemeinschaft in den Zeiten der Globalisierung
und Ent-Ortung durch Facebook, Skype und
Twitter, die besonders in den urbanen Zonen
längst greifbar ist. Dort entstehen in den Sze-
nevierteln Manufakturen, die einen längst ver-
gessenen Produktionsablauf rekonstruieren und
die Welt des Supply-Chain-Managements
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kon-
sequent ignorieren. Möbelschreiner und Bäcker
mit echter eigener Backstube, Nähstudios und
Strickereien arbeiten gemeinsam an der Idee des
Dorfes in der Stadt, sie bauen an ihrem Utopia,
sie errichten ein neues Bullerbü.
Dass so viele die Zukunft in der Vergangenheit
suchen, mag in der Aneignung des Zukunftsbe-
griffes durch eine Technologisierung begründet
sein, die den Menschen nicht nützt, sondern
deren Triebfeder die Gewinnmaximierung ist.
Wenn Fortschritt nur noch in den Modellzyklen
von Smartphones erfahrbar wird, ist der Blick
zurück vielleicht die innovativste Vision, die wir
zurzeit haben.
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Wirtschaftlicher Begriff: Wertschöpfungskettenmanagement,
Verteilung der Produktionsschritte auf Subunternehmer
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GESELLSCHAFT & KULTUR
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