Inform 2 / 2014 - page 5

Nachfrage das Angebot regelt, sind die meisten
Besucher wohl mit diesen kulinarischen Grenz-
erfahrungen vertraut. Das Angebot des Spaß-
bades ist ganz klar darauf ausgerichtet, die
absoluten Grundbedürfnisse menschlicher Nah-
rungszufuhr zu befriedigen. Aber muss es immer
Currywurst sein?
Artwork
Die Innenausstatter eines Spaßbades orientieren
sich ja meistens an der Badekultur der Grie-
chen und der Römer: Säulenimitate, Fresken
und Mosaiken schmeicheln dem Auge. Es wird
viel Terrakottafarbe verwendet, das ist ja auch
irgendwie südländisch. Palmen und Farne sor-
gen für frischen Sauerstoff und verstärken die
exotische Grundnote. Manchmal zieht sich das
bis in den Saunabereich rein: So stelle ich mir
Swingerklubs an den Autobahnzubringern von
Castrop-Rauxel oder Bielefeld vor. Fortgeschrit-
tenere Bespaßungsbäder verzichten auf derlei
Anlehnungen an die Antike und präsentieren
sich in Teakholz und Palisander, aufgelockert
durch die scheinbar unvermeidbaren Palmen-
gewächse. Das soll so ein bisschen Saint-Barth-
Feeling hineinbringen, denke ich. In jedem Fall
soll es hier aussehen wie irgendwo anders. Ich
finde das blöd, weil ich meistens ganz gerne
dort bin, wo ich gerade bin. Aber mich fragt
man ja nicht, jedenfalls nicht die Spaßbad-
Innenarchitekten-Innung.
Baden mit Würde
Spaß ist nicht Freude. Freude beim Baden habe
ich im Gellért-Bad in Budapest erlebt, damals,
als honorige Versicherungsvertreter da noch kei-
ne Orgien mit ungarischen Nutten feierten. Die
Stimmung war ruhig und gelassen, man konnte
da einfach so im heißen Wasser sitzen und sich
an der kakanischen Architektur erfreuen. Ba-
defreuden habe ich auch auf Island erlebt, wo
jedes kleine Kaff sein geothermal beheiztes Frei-
bad hat. Ein Pool und drei Hot Tubs mit Tem-
peraturabstufungen von unerträglich heiß bis
kochend sind der Standard, man gart bei Regen
und 6 °C Lufttemperatur langsam durch und
plaudert mit dem Badenachbarn über die poli-
tische Situation in Reykjavík und darüber, wie
aus einem Land von Fischern und Künstlern ein
Land von Investoren und Bankfuzzis geworden
ist und dann wieder ein Land von Künstlern
und Fischern. Das Ganze geht auch prima mit
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