Inform 2 / 2013 - page 6

02|2013
Mit VW Käfer, Opel Kadett und Mercedes 200
setzte die Eroberung des Südens ein. Tastete
man sich zunächst nur zaghaft bis zum Garda-
see vor, verlor der frischgebackene Tourist bald
jede Scheu und fuhr durch bis Rimini
oder zur Costa del Sol. Vater saß
am Steuer, Mutter machte die
Eierbrote und die Kinder
tranken warme Brause.
Es gab weder richtige
Staus noch Billigflieger.
Am Himmel glitzerte
einsam das schönste
Flugzeug der Welt,
Lockheeds
„Super
Constellation“, und
brachte für die Luft-
hansa Passagiere von
Frankfurt nach New
York und retour, aber
niemals irgendjemanden
von Bielefeld nach Palma de
Mallorca, und schon gar nicht in
kurzen Hosen. Das konnte nicht lange
gut gehen. Die Touristenströme schwollen an,
und um sie zu kanalisieren, musste sich die Art,
wie wir Urlaub machen, grundlegend ändern.
Die Ritualisierung des Reisens
Das Grundbedürfnis des gemeinen Touristen
besteht vorwiegend darin, gutes Wetter zu ha-
ben. Das ist verständlich, denn in Deutschland
ist es in den meisten Regionen eher ungemüt-
lich – von ein paar heiteren Wochen abgese-
hen. Ferner wünscht er sich ein gewisses Maß
an Exotik, sonst hätte man ja auch zu Hause
bleiben und einfach die Heizung aufdrehen kön-
nen. Das alles spricht für die Länder des Mit-
telmeerraums als Urlaubsziel. Und so wurden
Italien, Spanien und Griechenland, die Türkei,
Ägypten und Tunesien zu bevorzugten touristi-
schen Zielen. Dort entstand eine auf die Wün-
sche der Urlauber zugeschnittene Infrastruktur.
Das war auch bitter nötig, denn ehrlich gesagt
gibt’s in Tunesien nichts Besonderes. Karthago
ist auch nicht mehr das, was es einmal war, und
so wuchsen an den Stränden Hotels, welche
der Langeweile, die unweigerlich eintritt, wenn
man tagelang nur am Strand herumliegt, durch
ausladende Buffets, ausgeklügelte Minigolfan-
lagen und abendliche Bespaßung durch Ani-
mateure entgegenwirken. Ähnliches geschah an
fast der gesamten Mittelmeerküste, die sich in
weiten Teilen in einen Amüsierbetrieb für Mit-
teleuropäer verwandelte. Die infrastrukturellen
Maßnahmen und organisatorischen Dienst-
leistungen, die den massenhaften Tourismus
erst ermöglichten, erforderten einen enormen
Kapitaleinsatz. Die Tourismusindustrie hatte
– wie jede Industrie – das Ziel, eine maximale
Rendite zu erwirtschaften. Die Tou-
rismusgiganten erfanden Slogans
wie „Die schönsten Wochen
des Jahres“ und legten uns
so nahe, unser Geld nicht
für irgendeinen Blöd-
sinn zu verschleudern,
sondern für den Hö-
hepunkt des Jahres,
den Urlaub, zurück-
zulegen. Das funkti-
onierte so lange, bis
jeder einmal 14 Tage
Badeurlaub im Süden
genossen hatte. Die
Hotels waren groß, das
Meer meist nicht mehr als
200 Meter entfernt, es war
heiß und sonnig und das abend-
liche Buffet reichhaltig. Für Millionen
von Menschen wurde dies die prägende Urlaub-
serfahrung.
Letztlich war diese Form des Urlaubs jedoch nur
eine Mode. Es kamen die Clubreisen, Städte-
reisen und Kreuzfahrten. Manche zog es nicht
mehr in den Süden, sondern nach Asien, andere
schauten sich auf Spitzbergen oder in der Ant-
arktis um. Die japanischen Touristen in Heidel-
berg sind durch Chinesen ersetzt, die ihren Teil
der Kulturgeschichte des Urlaubs nachholen
und für sich entdecken. Das organisierte Reisen
hat einen Teil seiner Uniformität abgestreift und
ist dem Bedürfnis der Menschen nach mehr In-
dividualität nachgekommen.
Der Individualreisende
und das Ende der Entdeckungen
Ich persönlich zähle mich ebenfalls zur Grup-
pe der Individualreisenden, genauer gesagt zur
Schnittmenge aus Individualreisenden, Abenteu-
erurlaubern und schrulligen Einzelgängern. Das
bedeutet, ich muss ein Problem grundsätzlicher
Natur lösen: Es gibt unglaublich viele von uns,
und wir alle wollen erstens den Massentou-
risten und zweitens allen, die so sind wie wir,
aus dem Wege gehen. Das bedeutet, dass wir
dorthin gehen müssen, wo noch nie ein Mensch
zuvor gewesen ist. Das mag relativ einfach um-
zusetzen sein, wenn man ein Raumschiff wie die
Enterprise zur Verfügung hat, aber fast unmög-
lich, wenn man mit sieben Milliarden Leuten
© speednik/photocase
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