Inform 1 / 2014 - page 6

türlich nicht). Man entlässt seine Kinder, deren
Auszug aus der elterlichen Wohnung symboli-
sche Geste und reale Neuordnung der Verhält-
nisse zugleich bedeutet: Sie sind nun erwachsen.
Das kindliche Volk
Das Volk jedoch wird für den Staatsapparat nie-
mals erwachsen. Es verharrt im Zustand kind-
licher Abhängigkeit. Es muss geführt und be-
schützt werden. Und natürlich darf es nicht alles
wissen. Die Geheimnisse, die die Staatsorgane
vor dem Volk haben, ähneln den Geheimnis-
sen, die Eltern vor ihren Kindern haben. Das ist
natürlich absurd, denn in einer Demokratie ist
das Volk der Souverän. So war es jedenfalls ein-
mal gedacht. Aber der Regierungschef (oder die
-chefin), die Minister oder Bürgermeister begrei-
fen sich ja nicht als Angestellte des Volkes, als
Servicekräfte, denen administrative Aufgaben
zugewiesen wurden, sondern als Rudelführer.
Sie haben die oberste Stufe der gesellschaftlichen
Hierarchie erklommen. Entsprechend kümmern
sie sich um ihre „Kinder“. Diese erfahren nur
selten, was zwischen den „Erwachsenen“ wirk-
lich läuft. Die wahren Motive politischer Ent-
scheidungen bleiben ja meistens im Dunkeln.
Man ahnt, dass es um Geld, Macht und Einfluss
geht. Und manchmal vielleicht auch um per-
sönliche Integrität. Aber Mutti sagt, dass Onkel
Horst uns deshalb nicht mehr aus Bellevue zu-
winken kann, weil er mal dringend Ferien ma-
chen musste. Oder so in der Art.
Wenn das Volk ein Kind ist, ist es für die
Regierenden nicht verwerflich, es zu hinterge-
hen. Es geschieht ja zu seinem Besten. Ich bin
davon überzeugt, dass die Mitarbeiter von
NSA, CIA und Homeland Security glauben, im
Interesse des Volkes zu handeln. Sie tun nichts
Böses, im Gegenteil: Sie beschützen uns. Wer
so denkt, ist gegen Kritik fast immun. Als auf-
gedeckt wurde, dass die NSA auch deutsche
Telefonverbindungen und E-Mails überwacht,
war das der deutschen Regierung eher unan-
genehm – so als ob die Kinder Vati beim Sau-
fen erwischt haben und Mutti zum Schein ein
bisschen schimpfen muss. Aber eigentlich trinkt
Mutti ganz gerne mal einen mit. Jedenfalls
setzt sie den Kerl nicht vor die Tür, damit er
den Kindern nichts tut.
Natürlich sind die Kinder empört und ent-
täuscht, denn sie erwarten, von ihren Eltern be-
schützt und respektiert zu werden. Das geschieht
aber nicht, und aus diesem Grund hat das Volk
auch jedes Recht, sich bei der nächsten Wahl bo-
ckig zu verhalten. Manchmal müssen die Kinder
eben die Eltern erziehen …
Autor: Rüdiger Fischer
Studium der Philosophie.
Autor, Künstler,
Werbetexter.
Versicherter der
BKK vor Ort seit 2004.
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