Inform 1 / 2014 - page 5

Wer hat sich als Eltern noch nie dabei ertappt,
zu überprüfen, ob sein Kind die Zahnbürste
auch tatsächlich benutzt hat? Oder die Haus-
aufgaben gemacht, den Wellensittich gefüttert
und die Haare gekämmt hat? Tut man es nicht,
verlottern die Kinder, die Zensuren gehen in den
Keller und irgendwann landen sie auf der Stra-
ße. Butschi liegt verhungert in seinem Käfig, die
Beine gen Zimmerdecke gestreckt. So weit darf
es nicht kommen und deshalb machen wir aus
Kindern Erwachsene, die ihre Pflichten kennen
und ernst nehmen. Wir wollen ihr Bestes und
deshalb überwachen wir die Einhaltung der
Regeln. Dabei entscheiden wir situativ, wie viel
Freiheit wir unseren Kindern gewähren können
und wie viel Überwachung wir vertreten wollen.
Gelegentlich blättern wir in unserer Erstausgabe
von Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und
ihre Feinde“ und überprüfen, ob wir noch auf
der richtigen Seite stehen – die Kinder also zu
offenen, toleranten und kritischen Menschen
erziehen – oder ob wir zu misanthropischen
Blockwarten einer elterlichen Überwachungs-
diktatur geworden sind. Manchmal ist das Er-
gebnis nicht eindeutig.
Die Kinder werden älter, und das macht die
Aufgabe der Eltern nicht leichter. Sie lernen
blöde Freunde kennen, die zu viel Party ma-
chen und deren Eltern bestimmt Drogenbarone
oder Investmentbanker sind. Sie machen, was
sie wollen, und wir Eltern machen uns Sorgen.
Aber irgendwann sind sie volljährig. Und dann
ist Schluss. Sie bekommen ein bisschen Geld in
die Hand gedrückt und dann können sie sich
eine Wohnung in Marrakesch nehmen, in Wien
studieren oder in Australien Äpfel pflücken.
Die Überwachung hat ein Ende (die Sorge na-
ich die Überwachungsskandale der letzten Zeit,
so ist einer von vielen meiner Gedanken dazu:
„Ich möchte nicht überwacht werden!“ Trotz-
dem geschieht es weiter. Warum? Warum stellen
sich die Regierungen so offen gegen ihre Bürger
und Wähler? Warum riskieren sie es, das Wahl-
volk zu verunsichern und ihre Wiederwahl zu
gefährden?
Dass die gigantischen Überwachungsapparate
dazu dienen, den Terrorismus zu bekämpfen,
glaubt ohnehin niemand. Zu offensichtlich ist,
dass die gesellschaftlichen Kollateralschäden
der allumfassenden Überwachung die negati-
ven Auswirkungen möglicher Terrorakte längst
um ein Vielfaches übersteigen. Das Gleiche gilt
für die Verstimmung der vorgeblichen Alliierten
durch die Vereinigten Staaten. Die Beziehungen
zu Deutschland, Spanien und den lateiname-
rikanischen Staaten sind derart belastet, dass
man sich fragt, welch großen Vorteil sich die
USA von der Überwachung versprechen. Wie
geht hier die Kosten-Nutzen-Rechnung auf?
Vielleicht ist Überwachung ja kein rationales
Verhalten. Aber was dann?
Alles ist Familie
Die Organisation und das Verhalten großer
gesellschaftlicher Zusammenschlüsse – zum
Beispiel Staaten, Unternehmen oder Behör-
den – imitieren die Grundformen menschlichen
Zusammenlebens. Die Familie und der Stamm
(die Horde, der Clan) geben vor, wie wir uns in
Gesellschaft verhalten. Zu den auffälligsten Ver-
haltensmustern des Familien- oder Clanangehö-
rigen zählt die Sorge um die Kinder – zu denen
immer auch die Kinder des Stammes gehören.
Man beschützt und behütet sie, man bewacht sie
und man …
überwacht
sie.
Betrachte
5
1,2,3,4 6,7,8,9,10,11,12,13,14,15,...32
Powered by FlippingBook