Inform 1 / 2014 - page 22

MYTHOS
ÜBERGEWICHT
In seinem Buch „Mythos Übergewicht –
warum dicke Menschen länger leben“
räumt Prof. Dr. Achim Peters ordentlich mit
den üblichen Klischees auf: „Das Gehirn
stellt immer zuerst seine eigene Versorgung
sicher und weil dafür nur Energieverteilung
und Nahrungsaufnahme infrage kommen,
fällt die Wahl bei vielen gestressten Men-
schen aufs Essen – und in der Folge ent-
steht Übergewicht.“
Demnach ist Dicksein eben doch keine
Krankheit, es ist lediglich der sichtbare Indi-
kator für den jeweiligen Energiebedarf un-
seres „Selfish Brain“ (auf Deutsch:
„selbstsüchtiges Gehirn“). Diesem
Egomanen ist es nämlich einerlei,
ob wir in Größe 34 oder 44 pas-
sen – Hauptsache, er ist gut ver-
sorgt. Und tatsächlich ist laut Prof.
Peters Übergewicht nichts ande-
res als eine Schutzmaßnahme
des Körpers gegen zu viel Stress.
Prof. Dr. Achim Peters
Mythos Übergewicht – warum
dicke Menschen länger leben
272 Seiten, 19,99 Euro
C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10149-0
akzeptabel, es braucht mehr und
bestellt noch ein Brötchen. Ein hal-
bes geht nach oben, die andere Hälfte
wieder auf die Hüften. Insgesamt sind
jetzt schon drei Brötchen im System
und diese energetische Fracht macht
auf die Dauer dick. Prof. Peters: „Eine
Diät setzt jetzt das Hirn unter Druck,
es droht eine Unterversorgung, und der
Cortisolspiegel steigt an. Jetzt hat der
Mensch noch zusätzlich Diätstress. Das
Problem dabei: Ist der Cortisolspiegel
zu hoch, stirbt man eher. Diäten kön-
nen also keinesfalls die Lösung des Pro-
blems sein.“
Zum Scheitern verurteilt
Kriegt das „Selfish Brain“ zu wenig
Futter, verlangt es mehr. Bekommt es
immer noch zu wenig, löst es Hun-
gerattacken aus. Auf der Suche nach
Zucker kennt unser Hirn kein Par-
don. „Schöne Entschuldigung für alle,
die zu viel essen, sich nicht bewegen
und sich einfach nicht zusammen-
reißen können“ – lautet die oft vor-
gebrachte Kritik. Und auch hier hat
Prof. Peters eine klare Ansage. Die
„Selfish Brain“-Theorie ist vor allem
eine wissenschaftlich belegte Kau-
salkette, die ohne jede Emotion dar-
legt, dass Dicksein weder eine Frage
der Disziplin ist noch den Menschen
früher sterben lässt. Diese Forschung
zeigt, dass nicht zu viele Pfunde zum
Tode führen können, sondern dass
psychosozialer Stress unseren Körper
nachhaltig und todbringend schädigt.
Anders ausgedrückt: Dick, gesund
und entspannt zu sein verlängert das
Leben. Gewichtsreduktion und Stress
bringen es hingegen in Gefahr. „Selbst
Sport verlängert das Leben nicht.
Wer seinen Stresspegel nicht auf ein
gesundes Maß herunterfahren kann,
schädigt seinen Körper nachhaltig“,
betont Prof. Peters. Kürzlich wurde
eine Langzeitstudie in den USA vor-
zeitig abgebrochen, weil hierbei früh-
zeitig deutlich wurde, dass reduzierte
Nahrungsaufnahme und regelmäßige
schweißtreibende Sporteinheiten die
Sterblichkeitsrate nicht nachweislich
beeinflussten. Hierfür wurden 5.000
Menschen per Los zwei Gruppen zu-
geteilt: Die eine wurde auf Diät ge-
setzt und trieb mindestens dreimal in
der Woche Sport, die andere konnte
essen und es ruhig angehen lassen.
Schon nach wenigen Jahren stellte
man fest, dass die „Mortalitätskurve“
beider Versuchsgruppen keine Unter-
schiede aufwies.
GESUNDHEIT
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