Inform 1 / 2014 - page 21

Für die Sabotage von Diäten ist nicht unser schwacher Wille verant-
wortlich, vielmehr bestimmt der Energiebedarf unseres Gehirns,
wie viel auf den Tisch und in den Magen kommt. Dabei ist dem Ego-
zentriker im Kopf völlig egal, was die übrigen Organe benötigen und
ob eigentlich schon genug Fettpolster auf Abbau warten.
FORSCHUNG
„SELFISH BRAIN“
Unter der Leitung von Prof. Dr. Peters unter-
sucht seit 2004 ein interdisziplinäres Exper-
tenteam der Universität zu Lübeck, wie das
menschliche Gehirn die Energieverteilung
auf die einzelnen Organe kontrolliert und
wie „eigensüchtig“ es dabei agiert.
Das Forschungsprojekt wird von der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit
mehreren Millionen Euro gefördert. Hier
arbeiten Spezialisten aus der Hirnforschung,
der Psychiatrie, der Neuroendokrinologie,
der Pharmakologie, der Biochemie, der
Chemie und der Mathematik Hand in Hand.
Mehr als 12.000 Studien wurden bereits in
der Hansestadt systematisch ausgewertet.
Das Ergebnis: Ein paar Kilos mehr schützen
vor einigen Krankheiten.
Prof. Dr. Achim Peters ist Hirn- und
Stressforscher, Vater der „Selfish
Brain“-Forschung und bringt frohe
Kunde für all diejenigen, die viel zu
viel Hüftgold für karge Zeiten mit
sich herumschleppen – zumindest was
die Schuldfrage angeht.
Wer dick ist, ist willenlos, undiszip-
liniert, maßlos und vor allem selbst
schuld – so lautet das Stigma seit
Jahrhunderten. Und es ist falsch. Über
12.000 Studien unterschiedlicher
Fachdisziplinen beweisen das Gegen-
teil. Der Wille spielt eine untergeord-
nete Rolle. Und Prof. Peters identi-
fiziert einen „Schuldigen“ für diese
gewichtigen Probleme: Es ist psycho-
sozialer Stress, der uns zu schaffen
macht. Er stört unseren Energiehaus-
halt gewaltig und nachhaltig. Unsiche-
re Arbeitsverhältnisse, ein bedrücken-
des soziales Umfeld, prekäre familiäre
Situationen, Existenzangst oder Ein-
samkeit lösen diesen Stress aus und
machen uns zu schaffen. Zusätzliche
Kilos schützen den Körper vor stress-
bedingten Krankheiten wie Depressi-
onen, Schlaganfall, Muskelschwund
oder Arteriosklerose. Abnehmen sei
also keineswegs das Mittel der Wahl
für ein gesünderes Leben. Stattdessen
gelte es, den Stress abzubauen.
Täglicher Kampf
umZucker
Denn es ist der Kampf um den wert-
vollen Treibstoff des Lebens – den
Zucker –, der unser Gewicht tatsäch-
lich bestimmt. Und diesen Kampf
gewinnt immer unsere Denkzent-
rale, die stets bestmöglich für sich
selbst sorgt. Dabei ist das Hirn ein
Zwerg und macht gerade einmal
2 Prozent unseres Körpergewichts aus,
aber in Sachen Energieverbrauch ist
es ein ganz Großer und beansprucht
mehr als die Hälfte unseres tägli-
chen Glukosebedarfs. Prof. Peters:
„Ist zustätzlich noch Stress im Spiel,
verlangt das Gehirn sogar 90 Pro-
zent.“ Es stellt alle Weichen in seine
Richtung, die Versorgung des restli-
chen Körpers und seiner Organe ist
dabei absolut zweitrangig.
A oder B?
Das ist hier die Frage
Die Menschheit teilt sich je nach gene-
tisch festgelegter Disposition in zwei
Lager:
Typ A
lässt der Stress auf Hochtou-
ren laufen, sein Hirn ist energiegeladen,
er isst weniger und nimmt eher ab.
Allerdings spielt seine Psyche nicht
immer mit: Er trägt ein größeres Risiko,
einer Depression anheimzufallen.
Typ B
wirkt von stressigen Bedro-
hungen eher unbeeindruckt. Er begeg-
net dem Ganzen gelassen und sammelt
stattdessen kiloschwere Reserven. Sein
Cortisolspiegel lässt sich nicht mehr
ständig in die Höhe treiben.
Der „Gezügelte“ oder „Disziplinier-
te“ ist eigentlich ein B-Typ, der stän-
dig sein Essverhalten kontrolliert und
alles daransetzt, mindestens zehn Kilo
weniger zu wiegen, als sein Orga-
nismus eigentlich benötigen würde,
um entspannt zu sein. Dafür setzt er
sich einem ständigen Kampf gegen
Gewichtszunahme aus. Sein Cortisol-
spiegel ist dauerhaft hoch! Lässt die
Kontrolle nach, nimmt er zu. Aber
sein Cortisol sinkt.
Die Brötchentheorie
Angenommen, der Mensch isst zwei
Brötchen: eins fürs Gehirn und eins
für den Körper. Bei einem dünnen
Menschen kommen die Brötchen auch
genau da an, wo sie hinsollten. Bei eini-
gen Menschen (den B-Typen) klappt
die Versorgung so nicht – nur ein hal-
bes Brötchen landet in der Denkzent-
rale, anderthalb machen sich im Kör-
per breit. Für das Hirn ist das nicht
Das Interview führte Monika Hille, BKK vor Ort.
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