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Eine kurze
Geschichte der
moralischen
Empörung
Seit jeher geben sich Gesellschaften Regeln. Oh-
ne Regeln herrscht das Chaos und im Chaos weiß
keiner, wohin er gehört. Nur die Gruppe gewährt
dem Einzelnen Schutz vor der Natur und den an-
deren. Der Schutz der Gruppe ist nicht umsonst,
er kostet Gehorsam. Dabei sollen die Regeln der
Gruppe in erster Linie deren Fortbestand schüt-
zen und erst dann die einzelne Person. Aus diesem
Grund erscheinen einige Regeln – man denke nur
an die Scharia – grausam. Sie sind es, weil sie nicht
das Individuum schützen, sondern die Gesellschaft
und deren Ordnung. Damit erfüllen sie exakt ihren
Zweck.
Das ist das Gesetz, so wie es Stammesgesellschaf-
ten seit Jahrtausenden praktizieren. Als Königrei-
che (und später Nationen) an die Stelle kleiner au-
tarker Gruppen treten, ändert sich alles. Mit der
neuen Organisationsform kommen neue Gesetze.
Sie haben vor allem den Zweck, Besitz und Macht-
anspruch der Herrschenden zu schützen, und ent-
halten daneben Passagen aus dem alten Verhaltens-
kodex. Jetzt existieren zwei Gesetze nebeneinander.
Die Einhaltung beider Gesetze wird überwacht –
durch Rechtsgelehrte und Sittenwächter.
Der
Sittenwächter
Im gesellschaftlichen Gefüge erfüllt der Sittenwäch-
ter eine wichtige Funktion: Er sichert die Einhal-
tung der Regeln. Die Regeln der Gesellschaft sind
für diese konstitutiv. Das Fasten am Freitag, die
Einhaltung des Schabbes, Blutrache oder der Wert
der Jungfräulichkeit. Die gesellschaftliche Stellung
des Sittenwächters ist zwiespältig: Einerseits wird
er seiner Machtfülle wegen geachtet oder gefürch-
tet, andererseits gehört er eben nicht dazu. Er selbst
darf sich keinen Fehltritt erlauben, registriert dafür
aber jeden kleinen Verstoß.
Man kann sich den Sittenwächter als jemanden
vorstellen, der von der Wichtigkeit seiner Aufgabe
überzeugt ist und sich demzufolge selbst sehr wich-
tig nimmt. Die Position des Sittenwächters ist also
durchaus attraktiv.
Alte Regeln,
moderne Zeiten
Die Zeiten ändern sich. Neue Techniken schieben
gesellschaftliche Umwälzungen an, die Macht ver-
lagert sich, die Regeln ändern sich.Was geschieht in
diesem Fall mit der Moral? Wenn wir eines gelernt
haben, dann, dass ein Sittengesetz nicht flexibel ist.
Genau dies ist ja der ursprüngliche Zweck morali-
scher Regeln: Ihr unveränderlicher Bestand sichert
die Gemeinschaft. Deshalb ist es fast unmöglich,
die alten Regeln aufzugeben. Deshalb wurde die
christliche Kirche durch die Reformation gespal-
ten. Die abtrünnigen Protestanten haben die Ge-
meinschaft verlassen und eine neue gegründet.
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