Mit dem Zug durch 30 Länder: Interrail

1 Monat, 1 Rucksack, 1 Ticket InterRail

Was für ein Gefühl. Man steht auf dem langweiligen Bahnhof seiner Heimatstadt, neben sich ein Rucksack. Der Regionalexpress kommt, man steigt ein, wuchtet seinen Rucksack in die Sitzecke, der „Express“ zuckelt los. Dann stellt sich langsam die Frage ein: DAS ist jetzt also der Anfang des angeblich so aufregenden Urlaubserlebnisses? Es gibt keine beeindruckende Schalterhalle, kein Gate, keinen Sicherheitscheck wie an großen Flughäfen. Man muss sein Gepäck nicht aufgeben. Alles, was auf den Urlaub hindeutet, ist der Rucksack zwischen den Knien. Der ist zwar höher, jedoch auch nicht allzu viel größer als der, den man vor ein paar Wochen zum mehrtägigen Freundesbesuch in Berlin dabeihatte.

Landschaft bei einer Zugfahrt


Und das ist jetzt alles? Jein. Also: Ja.

Man hat für die nächsten 30 Tage nur die Dinge, die man auch selber stemmen und – je nach Route und Übernachtungsort – einige tausend Meter weit tragen kann. Wer Kosten sparen und sich bei Verlust und Diebstahl die Urlaubsstimmung nicht komplett verderben will, hat anstelle des Smartphones ein einfaches (altes) Handy dabei. Statt online organisiert man seine Route mithilfe eines Buchs – ja, das geht; tatsächlich sogar besser als per Internet oder App.

Jein. Also: Nein.

Das Gefühl der „Langeweile“ des Regionalexpress-Zuckelns ändert sich bereits mit dem ersten Wechsel in einen ausländischen Zug, mit dem Wechsel der vorüberziehenden Umgebung. Spätestens, wenn der erste Zug unter „Fahrzeitverzögerung“ leidet und der ausgesuchte Anschlusszug schon weg ist, versteht man dann, was „abenteuerlich“ ist an InterRail-Urlauben. Vielleicht fährt der nächste Zug zum angedachten Ziel erst in fünf Stunden, man käme dann mitten in der Nacht am Ziel an und könnte dort weder Hostel noch Hotel aufsuchen. Vielleicht ist auch noch das Wetter vor den Türen des Bahnhofs, auf dem man steht, miserabel. Man möchte weder warten noch im Regen herumlaufen und überlegt: Sollen wir (oder: ich) einfach woanders hinfahren? In einer halben Stunde fährt ein Zug, zwar deutlich weiter nach Südenwesten als der zunächst ausgesuchte, aber in diese Zielstadt wollte man auch immer schon einmal. Überlegt – entschieden! Und: einfach in den Zug gestiegen, der einen an dieses ganz neue Ziel befördert. Das geht ganz wunderbar, der InterRail Global Pass bringt einen, wohin auch immer man möchte.

Wer lernen möchte, spontan zu sein, und Überraschungen „erfahren“ möchte, dem bietet sich ein weites, abwechslungsreiches Übungsfeld. Das geht natürlich auch anders. Man kann sich im Voraus festlegen, lange Zugwechselzeiten in Kauf nehmen, per iPad im Zug Hotels für die nächsten Tage vorreservieren. Auch das kann InterRail sein. Insgesamt kostet es jedoch mehr, unter anderem Roaminggebühren, und ist deutlich unaufregender. Und das Beste verpasst man: zum Beispiel andere Inter-Railer oder Backpacker von überall her kennenzulernen, im Hostel oder vielleicht während der Spontanübernachtung am Kleinstbahnhof. Oder an einem gar nicht eingeplanten Ziel festzustellen: Hier ist es viel schöner – wahlweise auch interessanter, absurder, charmanter –, als man je gedacht hätte.

Wer sich auf InterRail-Reise begibt, lernt „Dinge“ wie Übernachtungsmöglichkeiten oder Weiterbeförderung an verschiedenste Ziele zu organisieren. Man übt seine Sprachkenntnisse und kann später beispielsweise schnell von Pseudo-Französisch zu 5-Wort-Spanisch wechseln, weiß dann aber natürlich nicht mehr ganz genau, in welcher Sprache man gerade spricht oder sprechen sollte. Man lernt tatsächlich sehr unterschiedliche Leute aus allen möglichen Ländern kennen – manche wird man während der Reise leider kaum wieder los, manche bleiben ein Leben lang als Freunde. Man kann wirklich noch ein wenig Abenteurerin oder Abenteurer sein. Zurück daheim weiß man, dass man vieles vom heimischen Komfort gar nicht braucht. Und dass ein InterRail-Ticket und der Inhalt eines Rucksacks ausreichen, um einen Monat lang glücklich zu sein.

InterRail – was ist das?

Reisen im Zug mit den Blick aus dem Fenster

„InterRail“ ist: ein Bahnpass, um „alle“ Züge in 30 Ländern Europas zu nutzen (InterRail Global Pass) bzw. für das Reisen in einem einzelnen Land Europas (One Country Pass). Aufschläge gelten jedoch für bestimmte Züge (wie ICE, TGV, Schlafwagen).

Das beliebteste Ticket, der InterRail Global Pass, kostet bis einschließlich 25 Jahren 461 Euro, ab 26 Jahren 983 Euro. InterRail Deutschland Pass, zum Beispiel für Leute bis einschließlich 25 Jahren: 254 Euro, gültig 1 Monat für 3 Reisetage. (Preise: Stand Sommer 2015.) Für weitere Varianten: www.interrail.eu

1972, als InterRail eingeführt wurde, gab es nur eine Ticketvariante: 21 europäische Länder, 2. Klasse, Personen bis 21 Jahre. Nach und nach wurde die Altersgrenze erhöht, bis es endlich 1998 InterRail-Tickets für alle gab – auch für Kinder unter 12 und Leute über 60. Das Alter entscheidet seitdem „lediglich“ über die Kosten.

Wie selten liest man diesen Satz – für InterRail-Tickets gilt er aber allemal. Vor allem durch den Wegfall der Altersbeschränkung. Und nachdem der „Eiserne Vorhang“ gefallen war, wurde auch das Bereisen Osteuropas möglich. Außerdem gibt es heutzutage viele Ticketvarianten: Tickets,die zwar 1 Monat gültig sind, jedoch billiger werden, wenn man sich auf wenige Zugreise-Tage beschränkt. Wer ohnehin plant, länger an manchen Orten zu verweilen, kann Geld sparen.

Achtung: Bei einem Global Pass (für alle 30 Länder) muss die Reise durchs Heimatland bis zur Grenze bezahlt werden, wenngleich es Ermäßigungen gibt.

Web:
www.interrail.eu

Offizielle Seite in sechs Sprachen, Ticketverkauf:
www.raildude.com (Alle Infos – wirklich alle! – rund um den InterRail-Urlaub inklusive Forum, Ticketverkauf und Fahrplanauskünften)

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