Anderswo ist auch schön – Eine Kulturgeschichte des Erholungsurlaubs

Der Tadj Mahal

Statistisch gesehen fährt der deutsche Arbeitnehmer einmal im Jahr in den Urlaub. Er legt dabei eine mittlere Distanz von 850 Kilometern zurück und gibt am Tag 76 Euro für Unterkunft und Verpflegung aus. Am wahrscheinlichsten trifft man ihn auf Mallorca oder an der Ostsee an. Der Mensch braucht Erholung, denn das Arbeitsjahr war hart und unerfreulich. Erholung findet man aber nicht zu Hause (dort ist und bleibt ja alles wie immer), sondern irgendwo jwd.

Unsere Vorfahren konnten mit dem Begriff des Erholungsurlaubs wenig anfangen. Sie waren als Nomaden sowieso ständig unterwegs. Als sich das gelegt hatte, die Menschen also sesshaft geworden waren und Siedlungen gegründet hatten, verließ man diese höchstens mal, um die Nachbarsiedlung anzugreifen und niederzubrennen. Lange Zeit dachte man überhaupt nicht daran, sich mal ein paar Tage freizunehmen. Ging man auf Reisen, war das gefährlich und mehr Arbeit als Vergnügen. Man denke nur an die Ausflüge Alexanders des Großen nach Indien und Ägypten oder die Stippvisite Attilas des Hunnen in Europa. Auch die Reisen des Odysseus waren für ihn selbst und seine Begleiter im Großen und Ganzen eher unerquicklich. Es galt: Wer nicht unbedingt losmusste, blieb zu Hause und nährte sich redlich.

Das richtige Reisen erfand eigentlich erst der Adel. Der hatte einerseits genug auf der hohen Kante und war andererseits von der Pflicht der täglichen Fron freigestellt. Das ist grundsätzlich sehr angenehm, aber irgendwann ist jeder des Müßiggangs überdrüssig und ihn dürstet nach Abenteuern. Diese fand man auf der Großwildjagd in Afrika und bei Expeditionen durch den südamerikanischen Dschungel, in Indien, China und den Wüsten der Welt. Aber das war noch Reisen und kein Urlaub. Urlaub kann nur machen, wer arbeitet. Wenden wir uns also vom erlebnishungrigen Adel ab und dem kleinen Mann zu.

Urlaub bedeutet Erlaubnis

Gardasee

„Urlaub“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Erlaubnis – die Erlaubnis, sich von der Truppe zu entfernen oder die Amtsstube zu verlassen, um wichtige persönliche Angelegenheiten zu erledigen. Ans Verreisen dachte damals noch niemand, ja schon die Vorstellung von freier Zeit war für einen Arbeiter im 19. Jahrhundert absurd. Den ersten Urlaub erhielten folglich auch nicht Arbeiter, sondern Beamte des Kaiserreichs. Erst die Gewerkschaften erkämpften während der Weimarer Republik einen Urlaubsanspruch auch für Arbeitnehmer. Diese blieben zunächst notgedrungen zu Hause und erholten sich dort von der Maloche, denn Geld fürs Reisen war in diesem Milieu nicht vorhanden. Das blieb weitestgehend so, bis sich in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts allmählich der Massentourismus als neue Form des Reisens etablierte. Grundlage dafür waren ein gehobenes Wohlstandsniveau und in dessen Folge die Verbreitung des Automobils.

Mit VW Käfer, Opel Kadett und Mercedes 200 setzte die Eroberung des Südens ein. Tastete man sich zunächst nur zaghaft bis zum Gardasee vor, verlor der frischgebackene Tourist bald jede Scheu und fuhr durch bis Rimini oder zur Costa del Sol. Vater saß am Steuer, Mutter machte die Eierbrote und die Kinder tranken warme Brause.

Es gab weder richtige Staus noch Billigflieger. Am Himmel glitzerte einsam das schönste Flugzeug der Welt, Lockheeds „Super Constellation“, und brachte für die Lufthansa Passagiere von Frankfurt nach New York und retour, aber niemals irgendjemanden von Bielefeld nach Palma de Mallorca, und schon gar nicht in kurzen Hosen. Das konnte nicht lange gut gehen. Die Touristenströme schwollen an, und um sie zu kanalisieren, musste sich die Art, wie wir Urlaub machen, grundlegend ändern.

Die Ritualisierung des Reisens

Die chinesische Mauer

Das Grundbedürfnis des gemeinen Touristen besteht vorwiegend darin, gutes Wetter zu haben. Das ist verständlich, denn in Deutschland ist es in den meisten Regionen eher ungemütlich – von ein paar heiteren Wochen abgesehen. Ferner wünscht er sich ein gewisses Maß an Exotik, sonst hätte man ja auch zu Hause bleiben und einfach die Heizung aufdrehen können. Das alles spricht für die Länder des Mittelmeerraums als Urlaubsziel. Und so wurden Italien, Spanien und Griechenland, die Türkei, Ägypten und Tunesien zu bevorzugten touristischen Zielen. Dort entstand eine auf die Wünsche der Urlauber zugeschnittene Infrastruktur. 

Das war auch bitter nötig, denn ehrlich gesagt gibt’s in Tunesien nichts Besonderes. Karthago ist auch nicht mehr das, was es einmal war, und so wuchsen an den Stränden Hotels, welche der Langeweile, die unweigerlich eintritt, wenn man tagelang nur am Strand herumliegt, durch ausladende Buffets, ausgeklügelte Minigolfanlagen und abendliche Bespaßung durch Animateure entgegenwirken. Ähnliches geschah an fast der gesamten Mittelmeerküste, die sich in weiten Teilen in einen Amüsierbetrieb für Mitteleuropäer verwandelte. Die infrastrukturellen Maßnahmen und organisatorischen Dienstleistungen, die den massenhaften Tourismus erst ermöglichten, erforderten einen enormen Kapitaleinsatz. Die Tourismusindustrie hatte – wie jede Industrie – das Ziel, eine maximale Rendite zu erwirtschaften. Die Tourismusgiganten erfanden Slogans wie „Die schönsten Wochen des Jahres“ und legten uns so nahe, unser Geld nicht für irgendeinen Blödsinn zu verschleudern, sondern für den Höhepunkt des Jahres, den Urlaub, zurückzulegen. Das funktionierte so lange, bis jeder einmal 14 Tage Badeurlaub im Süden genossen hatte. Die Hotels waren groß, das Meer meist nicht mehr als 200 Meter entfernt, es war heiß und sonnig und das abendliche Buffet reichhaltig. Für Millionen von Menschen wurde dies die prägende Urlaubserfahrung.

Letztlich war diese Form des Urlaubs jedoch nur eine Mode. Es kamen die Clubreisen, Städtereisen und Kreuzfahrten. Manche zog es nicht mehr in den Süden, sondern nach Asien, andere schauten sich auf Spitzbergen oder in der Antarktis um. Die japanischen Touristen in Heidelberg sind durch Chinesen ersetzt, die ihren Teil der Kulturgeschichte des Urlaubs nachholen und für sich entdecken. Das organisierte Reisen hat einen Teil seiner Uniformität abgestreift und ist dem Bedürfnis der Menschen nach mehr Individualität nachgekommen.

Der Individualreisende und das Ende der Entdeckungen

Bergwanderer

Ich persönlich zähle mich ebenfalls zur Gruppe der Individualreisenden, genauer gesagt zur Schnittmenge aus Individualreisenden, Abenteuerurlaubern und schrulligen Einzelgängern. Das bedeutet, ich muss ein Problem grundsätzlicher Natur lösen: Es gibt unglaublich viele von uns, und wir alle wollen erstens den Massentouristen und zweitens allen, die so sind wie wir, aus dem Wege gehen. Das bedeutet, dass wir dorthin gehen müssen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Das mag relativ einfach umzusetzen sein, wenn man ein Raumschiff wie die Enterprise zur Verfügung hat, aber fast unmöglich, wenn man mit sieben Milliarden Leuten auf der Erde festhängt. Selbst das isländische Hochland, wo man es lange für unnötig hielt, reißende Gletscherflüsse zu überbrücken, und stattdessen Geländewagen mit hochgelegten Luftansaugstutzen voraussetzte, ist mittlerweile Ziel von Bussen mit Tagestouristen. Deren Anwesenheit ist ein Affront gegen meine gefühlte Individualität, die ich hier in aller Gottverlassenheit auszuleben gedachte. Aber offensichtlich bin ich damit ganz und gar nicht allein. Was tun?

Natürlich kann man immer weiter hineinfahren in die Wildnis. Aber irgendwann steht man wie einst die amerikanischen Siedler am metaphorischen Pazifik. Die Amerikaner haben ihre „Last Frontier“ – die letzte Grenze – vom Pazifik in den Norden nach Alaska hin verschoben. Ich suche meine letzte Grenze in der Literatur, der Kunst oder der Wissenschaft. Andere Menschen mögen andere Ziele haben. Es ist die Suche nach dem Neuen und Unbekannten, die Menschen überall auf der Welt antreibt und aufbrechen lässt.

Manche landen dabei auf Wegen, die man seit Jahrhunderten ausgelatscht wähnte. Auf dem Trampelpfad der Erleuchtung. Spätestens seit Hape Kerkeling sich mit „Ich bin dann mal weg“ in die Annalen der Erbauungsliteratur einschrieb, ist der Jakobsweg eine ernst zu nehmende Alternative zum Dalai Lama geworden. Wer spirituelle Inspiration sucht, muss nun nicht mehr pseudophilosophisches Gequatsche über sich ergehen lassen, sondern kann sich an der frischen Luft Bewegung verschaffen und so nebenbei etwas für seine Fitness tun. Die steigende Popularität des Jakobsweges blieb den Reiseveranstaltern natürlich nicht lange verborgen, und so kann man unter verschiedenen attraktiven Pauschalangeboten wählen. Zum Beispiel bietet das Reiseunternehmen Heine Jakobusreisen eine Busreise entlang des Jakobsweges an: „Reisen Sie bereits zum 27. Mal mit Gerhilde Fleischer, Präsidiumsmitglied der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft und Autorin vieler Reiseführer, auf den berühmtesten Pilgerstraßen der Welt! Auf historisch belegter Route werden Sie die Höhepunkte des Caminos entdecken.“ Eigentlich ist es ja nicht Sinn der Sache, die Strecke im Reisebus zurückzulegen, aber vielleicht sehe ich das auch zu dogmatisch. Was weiß ich schon übers Reisen?

Was ich übers Reisen weiß

Beim Reisen ist das Handtuch das Wichtigste. Das Handtuch dient vor allem dazu, territoriale Ansprüche eindeutig zu regeln. Man denkt vielleicht, dazu käme es nicht, aber Reisen findet sehr oft in der Fremde statt. So, wie ich das mit dem Handtuch verstanden habe, legt man es einfach auf die Dinge drauf, die einem gefallen, und dann gehören sie einem. Ich finde es sehr zivilisiert, dass man so etwas ohne Gewalt regeln kann. Für das Handtuch gibt es aber noch andere praktische Anwendungsszenarien: Laut dem Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist ein Handtuch so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Man kann es sich zum Beispiel vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen. Bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist. Das ist das, was ich übers Reisen weiß.

Ich hoffe, es ist hilfreich.

 

Autor:
Rüdiger Fischer,
Autor, Künstler,
Werbetexter.
Versicherter der
VIACTIV seit 2004.

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