Faszien - Shootingstars im eigenen Körper

Es gab sie immer schon, in jedem menschlichen Körper. Neuerdings aber sprechen und schreiben einige Wissenschaftler, viele Physiotherapeuten und alle Fitnessgurus über sie: die Faszien. Ein Grund mehr, euch mit Infos zum neuen Fitnesshype zu versorgen.

Warum ist denn mein Rücken schon wieder so verspannt? Warum findet der Arzt keine Ursache für meine Schmerzen? Warum fühl ich mich so gut nach meinem Tai-Chi-Kurs, da passiert doch kaum was?

Die Verantwortlichen für all das könnten eure Faszien sein - sowohl für den Schmerz als auch das Wohlbefinden. Faszien geben unseren Körpern Form und Stabilität, sorgen aber zugleich für Beweglichkeit. Sie sind gleichzeitig kräftig, reißfest, elastisch und gleitfähig. Und sie bilden die Basis für unsere körperliche Leistungsfähigkeit und unsere vitale Spannkraft.
Was sind das denn für Tausendsassas? Im Sektionssaal Faszien - das sind alle faserigen, kollagenen Bindegewebe in unserem Körper. Sie umhüllen Muskeln, Organe und Bänder. Besonders anschaulich wird es, wenn man Leiber aufschneidet.

Und so beschreibt auch der Faszienexperte Peter Schwind seine erste Begegnung mit Faszien: Im Sektionssaal der Münchener Universität durfte er (natürlich nur unter Anleitung eines Professors) Leichen präparieren, das heißt, er sollte jeden Muskel, jedes Organ, sogar auch Nerven und Gefäße freilegen. Dabei sollten mit seiner Hilfe all die genannten "Teile" ihre Hüllen fallen lassen, damit sie gut zu erkennen sind: Schwind sollte die Faszien entfernen. Schon da war für ihn nicht zu übersehen, dass die Vernetzung der Faszien sich von der Oberfläche bis in die tiefsten Bereiche des Körpers erstreckt. Gegeben hat es die Faszien natürlich immer schon. Aber erst in den letzten Jahren sind sie vermehrt in den Fokus des Interesses geraten.

Mit dem 1. "Faszien- Kongress" in Boston, USA, im Jahr 2007 gelang der Durchbruch für die moderne Faszienforschung. In Deutschland verhalf zuerst der Faszienforscher Dr. Robert Schleip den Faszien in die Medien; er gilt inzwischen als einer der weltweit führenden Forscher zum Thema. Mittlerweile arbeiten und forschen viele Wissenschaftler in dem Bereich Faszien. Das ist beinahe eine Revolution: Durch den geänderten Blick auf die Faszien verändert sich vieles an unserer Sicht auf die menschliche Anatomie. Durch das System der Faszien wird unser Körper als untrennbare Einheit und nicht als eine Gruppe einzelner Teile gesehen. Und die Erkenntnisse werden immer umfangreicher. Was man aber jetzt schon weiß, ist, dass das "Training" oder die Behandlung der Faszien ein wichtiger Teil von Therapie und Rehabilitation sein sollte bei unterschiedlichen Beschwerden: Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen oder auch bisher undefinierbaren Schmerzen.

1. In allen Teilen unseres Körpers befindet sich fasziales Gewebe, als Hüllschichten der Muskeln und der Organe. Sogar jede unserer Zellen wird von einer Faszie umhüllt.

2. Faszien sind Vermittler zwischen Muskeln und Knochen. Sie bieten mehr Beweglichkeit als Knochen, aber gleichzeitig auch mehr Stabilität als Muskeln.

3. Faszien verfügen über sogenannte "kontraktile" Elemente, das heißt, sie können sich zusammenziehen, wie man an der Uni Ulm nachgewiesen hat. Das kann man auch als Spannung oder Steifigkeit spüren, wenn man dauerhaften Stress hat. Denn durch den Stress erhöht unser autonomes Nervensystem den "faszialen Tonus", also den faszialen Spannungszustand.

4. Faszien sind wahrscheinlich unser größtes Sinnesorgan. Denn sie enthalten mehr Nervenfasern als beispielsweise unsere Augen oder unsere Haut. Daher kann eine Störung in der Faszie auch zu sehr starken Schmerzen führen.

5. Über das körpereigene Fasziennetz, bzw. fasziale Ketten, verteilen sich Kräfte im gesamten Körper. Das heißt aber auch, dass es zum Beispiel bei Überbelastung an der einen Stelle zu (schmerzhaften) Fehlspannungen an einer ganz anderen Stelle des Körpers kommen kann.

Der letzte Punkt verweist auf die sogenannte "Tensegrity", die im Zusammenhang mit Faszien immer wieder erwähnt wird.

Das Wort ist ein ursprünglich aus der Architektur stammendes Kunstwort, eine Mischung aus "tensity" (Gespanntheit) und "integrity" (Zusammenhalt). Gemeint ist damit eine Art "vernetzter Zugspannung" - wenn man beispielsweise an einer Stelle an einem Netz zieht, verteilt sich der Zug auf das gesamte Netz. Übertragen auf den Körper: Wenn man am linken Arm zieht, erfolgt die Zugspannung bis ins Bein.

Trainiert wird die Tensegrity bereits bei manchen Yoga-Arten oder in den östlichen Kampfkünsten. Oder aber man trainiert daheim bis zur Zugbelastungsgrenze; dabei reicht schon ein kurzes Training, das aber möglichst immer variieren sollte. Idealerweise trainiert man ein- bis zweimal in der Woche, maximal. Ein paar Minuten reichen. Vor allem sollte es nicht wehtun, sondern Vergnügen bereiten. Dadurch wird auch die Körperkraft gesteigert: Manches, was man früher allein für Muskelkraft gehalten hat, ist Kraft des Bindegewebes. Außerdem erneuert sich das Kollagen durch Faszien-Training - bereits nach sechs Monaten Training hat sich in etwa ein Drittel der Kollagenfasern selbst aufgefrischt.

All das hilft gegen die Verfilzung der Faszien: Denn eine solche Verfilzung stellt sich zwangsläufig bei sehr geringer oder falscher Bewegung, bei Fehlhaltungen oder nach der Stilllegung durch einen Gipsverband ein. Durch die Verfilzung kann es auch zu Verhärtungen kommen, und das kann sehr weh tun. Helfen kann dann zum Beispiel die Osteopathie! Oder aber: Übung daheim. Noch besser: Auf zum Spielplatz und am Netzgerüst ordentlich abhängen!

 

Auszug aus dem Kundenmagazin ORANGE, Ausgabe Frühjahr/Sommer 2015

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