Qigong & Tai- Chi- Chuan

Lasst die Energie fließen

Asien und die Kampfkunst - da tauchen vor dem inneren Auge fast zwangsläufig Bruce Lee und Jackie Chan auf oder auch Bilder aus "Tiger und Dragon". Dass die Kampfkunst in China jedoch nicht nur die Martial-Arts-Klassiker hervorgebracht hat, zeigen die Tausende von Chinesen, die morgens in aller Öffentlichkeit Tai-Chi als Frühsport betreiben. Warum tun die das?

Wie nicht von dieser Welt ...

... so wirken die schwerelosen Bewegungen in den - zugegebenermaßen mit ein wenig Tricktechnik entstandenen - Martial-Arts-Filmen wie Tiger and Dragon. Wie ebenfalls nicht von dieser Welt, vor allem nicht der unseren westlichen, wirken auch die großen Gruppen der im frühmorgendlichen Blau trainierenden, mit seidenschimmernden Trainingsanzügen ausgestatteten Chinesen. Letztere üben Tai-Chi-Chuan.

"Den Affen abwehren"

Tai-Chi-Chuan (sprich: tai tschi tschuän, andere Schreibweise: taijiquan, oft abgekürzt zu Tai-Chi), das sind klar umschriebene Bewegungsabläufe von aufeinanderfolgenden, zumeist fließenden Bewegungen. Dabei gibt es unzählige Stile, die sich unter anderem in der Anzahl der Figuren, also der zusammengefassten Bewegungsabläufe, unterscheiden: Da gibt es die 24er Peking-Form als vereinfachte Form des Tai-Chi- Chuan, die 42er und 48er Form, die Bewegungsabläufe nach William C. C. Chen (die es als Formen mit 60, 64 oder 132 Stellungen gibt), die 37 Stellungen nach Cheng Man Ching und einige weitere mehr. Eine Beschreibung mancher Stile bietet zum Beispiel die Internetseite www.taiji-europa.de.

Die Figuren bzw. Stellungen werden jeweils alle hintereinander ausgeführt, was insgesamt dann die sogenannte Form ergibt. Die Durchführung einer ganzen Form erscheint dann fast wie ein wunderbarer Tanz in Zeitlupe. Außerdem gibt es noch die sogenannten Waffenformen, zum Beispiel mit Schwert oder Stock, und die Partnerübungen, bei denen man zu zweit trainiert (auch Tuishou oder pushing hands genannt). Jede einzelne der meist komplexen Bewegungsformen im Tai-Chi-Chuan hat einen sichtbaren Bezug zur Selbstverteidigung oder lässt sich aus ihr ableiten.
Auch hieran wird deutlich, dass die Wiege des Tai-Chi-Chuan die chinesische Kampfkunst (wushu) ist. Die Namen mancher Figuren lassen ebenfalls genau das erahnen, zum Beispiel: Den Affen abwehren.
Oder die Figur "Mit den Fäusten auf die Ohren schlagen", bei der man unter anderem beide Fäuste kreisförmig von außen nach innen bis auf Höhe der Ohren hebt - gleichzeitig steht man auf einem Bein. Diese Figur wird auch "Heißer Wind in den Ohren" genannt, was für uns Westler ein wenig verständlicher ist - macht der Name doch deutlich, dass hierbei gar nicht wirklich zugeschlagen wird.

„Sieben Mal den Rücken strecken und 100 Krankheiten vertreiben“

Auch Qigong (sprich: tschi gung) besteht aus einer Vielzahl überlieferter Übungen, ebenfalls meist fließend und langsam, im Extremfall sogar ganz ohne äußere Bewegung. Hier gibt es noch mehr verschiedene Stile - und fast so viele Arten, wie es Lehrer gibt.

Qigong-Übungen sind im Gegensatz zu Tai-Chi-Chuan deutlicher auf den Aspekt der Gesundheit ausgerichtet und haben ihre Wurzeln in der traditionellen chinesischen Medizin:
Eine Übung (aus der sehr beliebten Zusammenstellung der sogenannten Acht Brokate) heißt zum Beispiel "Sieben Mal den Rücken strecken und 100 Krankheiten vertreiben". Im Gegensatz zu der ausführlichen Choreografie einer Form beim Tai-Chi-Chuan ist es beim Qigong eher so, dass man sich intensiver mit den einzelnen Figuren beschäftigt. Qigong-Übungen sind dabei zumeist etwas einfacher zu erlernen, weil man nicht erst einen kompletten Ablauf erlernt, der ja bei Tai-Chi-Chuan, wie gesagt, sehr lang sein kann.

Und wer hat´s erfunden?

Qigong hat sich über einen Zeitraum von mindestens 2300 Jahren bis heute entwickelt, auch wenn diese Arbeit am Qi (siehe weiter unten) früher nicht so genannt wurde. Tai-Chi-Chuan ist aus den gesundheitsförderlichen Erkenntnissen des Qigong erst entstanden.

Von wem und aus welchem Teil des großen Reiches Tai-Chi-Chuan aber stammt, darüber gibt es in China seit langem einen Streit. Dieser wurde von den Streitenden sogar auch schon vor Gericht ausgetragen.
Dementsprechend ist auch nicht exakt zu ermitteln, wann es entwickelt wurde - ausgehen kann man aber wohl zu Recht davon, dass es spätestens im 16. Jahrhundert entstanden ist. Und ganz sicher ist: Die Formen der einzelnen Tai-Chi-Stile haben sich erst über eine lange Zeit herausgebildet.

Tai-Chi-Chuan, Qigong und Tai-Chi-Qigong

Tai-Chi-Chuan ist, wie die Entwicklungsgeschichte zeigt, also sozusagen eine bestimmte Art von Qigong.
Aber - als wäre der Überblick über diese Arten von Bewegungskunst nicht schon kompliziert genug -, es gibt auch noch das sogenannte Tai-Chi-Qigong.
Dabei gibt es zum Beispiel die 18 Figuren der Harmonie, eine Abfolge von Übungen mit dem Ziel der Stärkung der körperlichen und seelischen Gesundheit, der Vorbeugung gegen Erkrankungen und ihrer Heilung, wie im Qigong. Gleichzeitig ist es aber auch eine gute Vorbereitung auf die komplexen Abläufe beim Tai-Chi-Chuan.

Unzählige positive Effekte - oder: Was bringt mir das?

Aus unserer westlichen Sicht beschrieben sind beide Bewegungskünste zugleich Heilgymnastik, Atemtherapie und Meditation. Dass sich Muskelverspannungen lockern und die Balancefähigkeit verbessert wird, ist leicht zu verstehen. Beide Übungssysteme sorgen aber auch für Entspannung und innere Ruhe. Denn während der Übungen wird sowohl der Körper als auch der Geist beansprucht.
So schaltet das Gedanken-Karussell, das in vielen gestressten Menschenköpfen ständig rotiert, zwangsläufig ab - ein guter Weg, um depressive Verstimmungen zu vertreiben und ihnen vorzubeugen.

Auch in vielen wissenschaftlichen Studien wurde belegt, dass Tai-Chi-Chuan und Qigong den Blutdruck sowie die Funktion von Herz und Kreislauf regulieren und sich positiv auf unterschiedliche Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes, Asthma oder Multiple Sklerose auswirken.

Und die Energie - das Qi?

Zu all diesen positiven Effekten würden die Chinesen sagen: Qigong und Tai-Chi-Chuan erhalten und stärken das Qi (sprich: tschi).
Der Begriff des Qi bedeutet im Chinesischen in etwa Atem oder Energie und steht sowohl für die Vitalität des Körpers als auch der gesamten Welt. Gemeint ist also in etwa Lebensenergie.

Und genau auf diese zielen auch die beiden Bewegungskünste ab: Die Lebensenergie soll genährt und gekräftigt werden. Die Vorstellung von dieser Lebensenergie entspringt dem Daoismus (= Taoismus, chinesische Philosophie, Weltanschauung und Religion) und ist auch das zentrale Prinzip der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Nach der TCM fließt die Energie durch die 12 Hauptleitbahnen (Meridiane) im menschlichen Körper. Aber das ist wieder ein anderes, komplexes Thema.

Muss man ans Qi glauben?

Nun kann man das Qi ja weder sehen noch hören, weder schmecken noch riechen. Fühlen könnte man es beispielsweise jedoch bei den Tai-Chi-Chuan- oder Qigong-Übungen als Wärme, Kribbeln, besondere Leichtigkeit oder Schwere in den Gliedmaßen.
Das mag jedoch auch Einbildung sein, denkt der Westler - denn hier gilt der Grundsatz, dass man etwas auch messen bzw. herleiten können müsste, um nachzuweisen, dass es existiert. In der chinesischen Kultur hingegen ist es andersherum: Es geht allein um die Wirkung. Und die Erfahrung hat für die Chinesen hinlänglich gezeigt, dass Tai-Chi-Chuan und Qigong gut für Körper und Geist sind. Wir meinen daher: Probiert einfach selbst aus, ob diese Bewegungskünste euch guttun. Vielleicht entdeckt oder fühlt ihr dabei auch das Qi. Und wenn nicht - gesund und ausgleichend sind die Übungen trotzdem.

Wie lernt man das?

Die gute Nachricht: Um diese Bewegungskünste zu praktizieren, braucht man keine Hilfsmittel, d. h. keine besondere Kleidung, keinen besonderen Raum und keine technischen Geräte. Eines braucht es allerdings schon: Geduld. Bis die richtigen Haltungen erlernt sind, können Monate vergehen, wer ein wirklicher Meister werden möchte, braucht Jahrzehnte. Man kann zunächst auch im Selbststudium lernen, mit Hilfe von Büchern oder Videos. Langfristig besser aber ist es natürlich, einen erfahrenen Lehrer bzw. eine Lehrerin aufzusuchen.
Diese können dann die eigenen (Fehl-)Haltungen beim Üben korrigieren, bei Fragen aushelfen und hoffentlich auch die Hintergründe der chinesischen Heilkünste anhand der Übungen verdeutlichen. Mit der VIACTIV geht eine solche Kursteilnahme sogar ganz kostenlos!

Also: Tai-Chi-Chuan, Qigong oder Tai-Chi- Qigong ausprobieren! So viele Chinesen können ja gar nicht irren. Und wer sich einer dieser Künste etwas länger widmet, der wird sich sicher auch bald so fühlen wie eingangs angedeutet: wie nicht von dieser (stressigen) Welt.

 

Auszug aus dem Kundenmagazin ORANGE, Ausgabe 1/2015

Jetzt Mitglied werden

zum Online-Beitritt

Service-Center Suche