SELFTRACKING - Die Vermessung des Ichs

Meine erste App zur Selbstvermessung war eine Waage. Ich hatte irgendwie das Gefühl, immer fetter zu werden. Also stellte ich mich auf die Waage, um die Fakten zu checken. Das Ergebnis war keine große Überraschung - ich hatte tatsächlich ordentlich zugelegt. Später hatte ich dann noch ein Pulsmessgerät. Das zeigte aber eigentlich immer nur 130 an, wohl auch, weil ich meistens in einem gleichförmigen Tempo laufe. Mit anderen Worten: Der Erkenntnisgewinn, den ich durch die erste Generation von Self-Tracking-Tools erzielte, war überschaubar.

Ab 2007 änderte sich die Lage dann allmählich. Die Technikjungs aus dem Silicon Valley nahmen sich der Sache an. Sie waren es gewohnt, Probleme zu lösen, indem sie Daten erhoben und analysierten. Was lag da näher, als diese Methode auch auf den eigenen Körper anzuwenden? Die Datenerhebung zur Leistungsoptimierung, wie sie im Profisport längst gang und gäbe war, wurde durch die Weiterentwicklung der Smartphones auch für die breite Masse verfügbar. Die im Smartphone verbauten Sensoren wie Bewegungs- und Beschleunigungsmesser, GPS und Höhenmesser oder Fotozellen und Mikrofone ermöglichen die Sammlung umfangreicher Datenmengen. Es entstand eine Bewegung, die sich unter dem Begriff "Quantified Self" oder auch "Self-Tracking" der Selbstoptimierung widmete. Das Paradigma von Quantified Self ist nach eigener Aussage "Kenne dich selbst". Dass aus der antiken Aufforderung zur Selbsterkenntnis " Erkenne dich selbst" schnödes Datensammeln geworden ist, muss man vielleicht dem Realismus der Benchmarkgesellschaft zuschreiben. Aber dazu später mehr.

Für die Praxis des Quantified Self braucht man nicht viel. Ein Smartphone, ein spezielles Armband und eine App, die aus dem Datenstrom Tabellen und Charts erstellt. Anfänger können die Anzahl ihrer Schritte pro Tag mit dem Smartphone messen lassen. 10.000 Schritte pro Tag werden empfohlen (und sind recht ambitioniert). Wer das nicht packt, wird von seiner App dazu ermuntert, doch einmal das Auto stehen zu lassen und den Einkauf zu Fuß zu erledigen. Fortgeschrittene erfassen ihre Laufstrecken per GPS, die Pulsfrequenz, ihren Kalorienverbrauch und Blutzucker und überwachen sogar den Schlaf. Aus der Verknüpfung der Daten lassen sich jetzt Aussagen treffen. Zum Beispiel könnte man entdecken, dass man nach einer Schlafdauer von 5:45 Stunden nicht mehr in den REM-Schlaf gelangt und sich den Rest des nutzlosen Herumliegens sparen kann. Oder dass man nach Alkoholgenuss nicht tiefer, sondern flacher schläft. Dass man mit vollem Magen langsamer läuft.

Durch die intensive Nutzung von Computern und Smartphones scheint unser Bezug zur Realität ein bisschen brüchig geworden zu sein. Wir vertrauen weder unseren Sinnen noch unserem gesunden Menschenverstand oder gar etwas so Esoterischem wie der Intuition. Wie kalt ist es draußen? Ich guck mal auf wetter.de. Wo bin ich gerade? Mal Google Maps anwerfen. Wie geht es mir heute? Einfach die persönlichen Trackingdaten durchgehen. Man hätte ja auch einfach mal die Nase zum Fenster raushalten, jemanden nach dem Weg fragen oder in sich selbst hineinhören können. Stattdessen erwarten wir, dass eine Software uns dabei unterstützt, ein besserer Mensch zu werden. Denn genau das ist das erklärte Ziel der Quantified-Self-Szene. So wie Unternehmensberater das betriebliche Monitoring über den Workflow von Unternehmen laufen lassen, um herauszufinden, wo Optimierungspotenziale stecken, tun wir das bei uns selbst. Wie können wir schneller und effektiver arbeiten? Wir benchmarken uns selbst.

Aber wo sieht Quantified Self Optimierungspotenzial? Wann ist ein Mensch optimiert, wann ist er also besser als zuvor? Ein Mensch ist dann ein besserer Mensch, wenn er mehr Leistung erbringen kann. Faulheit oder Muße, Zeitverschwendung und Überfluss sind Teufelswerk, eine Sünde und in diesem Konzept nicht vorgesehen. Es muss schneller geschlafen und konzentrierter gearbeitet werden, man muss gesünder essen, die Fitness steigern. Dem Feel-good- Kapitalismus der 2010er-Jahre ist es gelungen, dem Produktionsfaktor Mensch die Sehnsucht danach einzupflanzen, optimal zu funktionieren. Aber warum wollen wir wie Computer sein? Warum verwandeln wir uns freiwillig in Tamagotchis, drücken auf Knöpfe, damit wir am Ende des Tages zufrieden mit uns sein können?

CHARLES BUKOWSKI MACHT KEIN SELF-TRACKING

Natürlich, der Mensch wollte noch niemals einfach nur das sein, was er eben ist: ein Tier mit ein wenig Verstand. Der Mensch brauchte schon immer eine feste Grenze zu dem Tier in sich. Er musste sein Menschsein erst entwickeln und durch Kultur festigen. Das Tier musste erzogen werden, und so gelangte die Askese zu ihrem guten Ruf. Bildung, Kunst, Wissenschaft, Religion- alles, was uns vom Schrecken unserer eigenen tierischen Wildheit entfernt, ist gut. Das Gegenteil des Tieres in uns ist komplette Kontrolle, wie sie das Self-Tracking anstrebt. Vielleicht sind wir auf dem Weg dahin, endlich das Tier in uns hinter uns zu lassen. Es wäre vernünftig. Mehrere Langzeitstudien ergaben, dass die Fähigkeit zur Selbstdisziplin in der Kindheit ein sicheres Indiz für umfangreichen Erfolg im späteren Erwachsenenleben darstellt. Das Gegenteil von Selbstdisziplin ist Punk und Rock 'n' Roll. Und vielleicht sogar Johann Sebastian Bach. Das sieht jedenfalls Charles Bukowski so, selbst auch kein großer Anhänger von Selbstdisziplin:" Johann Sebastian Bach hatte 20 Kinder. Tagsüber hat er auf Pferde gewettet, nachts hat er sich fortgepflanzt und am Vormittag gesoffen. Komponiert hat er zwischendurch."

  • Konzentrieren Sie sich zu Beginn auf einen Bereich, den Sie verbessern möchten.
    Fragen Sie sich, in welchem Bereich Ihres Lebens Sie die größte Steigerung Ihrer Lebensqualität erzielen könnten.
  • Verpflichten Sie sich selbst, Ihre Ergebnisse für mindestens 30 Tage aufzuzeichnen.
    Hierdurch erzielen Sie erste Einsichten und haben eine neue Gewohnheit entwickelt, die Ihnen weitere Selbstbeobachtung zukünftig noch einfacher macht.
  • Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, Ihre Aufzeichnungen zu reflektieren und Zusammenhänge zu identifizieren. Lernen Sie aus Ihren Daten und entwickeln Sie eigene Ideen, welche Maßnahmen zur Verbesserung Ihrer Lebensqualität beitragen könnten.
  • Testen Sie Ihre Annahmen. Verändern Sie Ihr Verhalten, um in der Praxis zu erproben, ob Sie den richtigen Ansatz identifiziert haben.
    Können Sie sich besser konzentrieren, wenn Sie Tee, Kaffee oder Wasser getrunken haben? Testen Sie es aus!
  • Glückwunsch, jetzt haben Sie möglicherweise Ihr Leben verbessert. Sicher fallen Ihnen weitere Bereiche ein, in denen Sie etwas lernen und optimieren können.

Auszug aus dem Kundenmagazin Inform, Ausgabe 1/2015

Jetzt Mitglied werden

zum Online-Beitritt

Service-Center Suche