Schöner scheitern. Warum man gute Vorsätze so gern aufschiebt

Aber was kann daran nicht gut sein, den Heidelbeermuffins der Lieblings-Bäckerei zu entsagen, beispielsweise? Immerhin sind sie locker für fünf Kilo Hüftspeck verantwortlich. Es ist nicht gut, weil einem etwas an diesen Heidelbeermuffins liegt. Wäre es nicht so, würde man sie nicht essen.
Wer etwas gern mag, kann es nicht einfach mal so sein lassen, ebenso wenig wie die Katze das mausen oder David Beckham die Finger von Posh Spice.

Die Idee des guten Vorsatzes geht davon aus, dass der Mensch sich selbst anleiten kann, dass er sich überwinden muss, um zu einem besseren Menschen zu werden.

Das Ideal als ein Vorbild, das es zu erreichen gilt, geistert bereits seit grauer Vorzeit durch unsere Köpfe – genauer gesagt: Seitdem wir uns bewusst sind, einen Kopf zu besitzen, den man zum Denken verwenden kann. 

Wir optimieren uns, um Dinge schneller zu schaffen. 
Wir werden effizienter. Wir räumen auf im Garten unserer Eigenarten, lernen nebenbei eine Fremdsprache wie Chinesisch und betrachten unser gesamtes Dasein unter dem Aspekt seiner Nützlichkeit. Faulheit ist dabei nur vorgesehen, wenn sie sich als Entspannung im Spa oder beim Yoga maskiert und dabei als Mittel zur Wiederherstellung der eigenen Leistungsfähigkeit dient. Aber zurück zu den guten Vorsätzen. Dass wir uns innerlich dagegen sträuben, etwas zu tun, was wir eigentlich nicht tun wollen, ist offensichtlich. Interessanterweise sind unsere Selbstoptimierungsfantasien außerordentlich bescheiden. 

Allein der Vorsatz „gesünder ernähren“ könnte bedeuten, sich besser zu ernähren. Aber vermutlich reicht es hier auch schon, mehr Gemüse und weniger Fett zu sich zu nehmen, um die Bedingungen zu erfüllen. In keinem Fall wird eine qualitative Veränderung angestrebt. 

Von den Top 10 der guten Vorsätze für 2015 betreffen sechs mehr oder weniger die Gesundheit: 
Weniger Stress, mehr Bewegung und Sport, gesünder ernähren, abnehmen, weniger Alkohol, keine Zigaretten mehr. Dass Gesundheit nicht gottgegeben oder vom Zufall abhängig ist, sondern im Gegenteil im hohen Maße von unserem eigenen Verhalten, ist ausgesprochen lästig. Denn in der Regel erfüllen wir nicht einmal die Mindestvoraussetzungen für die zufriedenstellende Wartung und Pflege des eigenen Körpers. Wir machen uns schuldig an uns selbst. Wir handeln fortgesetzt wider besseren Wissens falsch. Und das erzeugt Stress (siehe punkt 1 der Top 10). Ein Teufelskreis.

Vielleicht wäre die richtige Antwort, wenn Sie Opfer einer Umfrage zum Thema „gute Vorsätze 2016“ werden: Nein, ich habe keine guten Vorsätze. Aber eine ganze Menge schlechter Vorsätze. 

Das Wochenende auf dem Sofa verbringen. Nicht mehr um 20.00 Uhr nach der Arbeit im Dunkeln und bei Regen joggen (macht einfach keinen Spaß). Auf den Bodymassindex pfeifen und mir vornehmen, rund und glücklich zu werden. Aber was rede ich – Ihnen fallen bestimmt ganz tolle, schlechte Vorsätze fürs nächste Jahr ein …

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