Table of Contents Table of Contents
Previous Page  43 / 68 Next Page
Basic version Information
Show Menu
Previous Page 43 / 68 Next Page
Page Background

RUMMS! Da knallt sie zu, die Tür zum

Kinderzimmer. Hinter der Tür sitzt der

Heranwachsende, 15 Jahre alt, Head-

set auf dem Kopf, hinter zugezogenen

Vorhängen, seit Stunden schon, draußen

scheint die Sonne, drinnen erhellen zwei

Monitore das dunkle Zimmer. Mit ihm

sind vier gleichaltrige Jungs im Raum –

allerdings nur virtuell, das reale Getöse

ist jedoch ohrenbetäubend: „Ey, Alter,

sieh zu! Los! Mach was, der ist hinter Dir.

Shit!“ Es wird lauthals angefeuert, gewarnt,

gelacht und es wird extensiv gezockt.

Vor der Tür steht die Mutter, 45 Jahre

alt, Stehhaare, will mit dem Heranwach-

senden raus. Es sind Ferien, die Sonne

scheint vom wolkenlosen Himmel. Verbo-

te, Abmachungen, Familienkonferenzen,

monetäre Lockangebote, Stromsperre,

Entfernen des Computers – die Liste der

gescheiterten Versuche, den hauseigenen

„Gamer“ aus der „League of Legends“ zu

befreien und beispielsweise stattdessen

aufs Surfbrett zu stellen, ist lang.

Die Welt, in der der Junge offensichtlich

jede Menge Spaß hat und sich köstlich mit

seinen Freunden – die alle übrigens auch

in echt neben ihm in der Schule sitzen –

amüsiert, ist seiner Mutter vollkommen

fremd. Wälder, Höhlen, Dörfer, Gebir-

ge – und mittendrin schwebende Heiler,

Kämpfer mit vielen Leben, multitalentier-

te Identitäten, hochkomplizierte Angriffs-

strategien. Es knallt, scheppert und ballert,

übertönt vom Palaver der fünf skypenden

Neuntklässler.

Die Mutter ist besorgt: „Was soll bloß aus

dem Jungen werden?“ Hatte sie sich nicht

einen intellektuell-sportlichen Tausend-

sassa gewunscht? Eine größere Version

des quirligen 5-Jährigen, der ständig mit

aufgeschlagenen Knien durch die echte

Natur raste. Vor ihrem geistigen Auge sieht

sie ihn immer dicker werden, an Diabetes

erkranken, wegen starker Haltungsschäden

mit Muskelschwund an Krücken gehen,

langsam, aber sicher verblöden und zu

guter Letzt wie ein Vampir zu Staub zer-

fallen, wenn der Stubenhocker von einem

Oder: Wie Menschen

aus Paralleluniversen

doch noch zueinander

finden können ...

Von Müttern, Söhnen

und

Gamern

Foto: Koelnmesse

43

spielen