ORANGE 1-2015
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moderne Faszienforschung. In Deutsch-

land verhalf zuerst der Faszienforscher Dr.

Robert Schleip den Faszien in die Medien;

er gilt inzwischen als einer der weltweit

führenden Forscher zum Thema.

Mittlerweile arbeiten und forschen viele

Wissenschaftler in dem Bereich Faszien.

Das ist beinahe eine Revolution: Durch

den geänderten Blick auf die Faszien ver-

ändert sich vieles an unserer Sicht auf die

menschliche Anatomie. Durch das System

der Faszien wird unser Körper als untrenn-

bare Einheit und nicht als eine Gruppe

einzelner Teile gesehen. Und die Erkennt-

nisse werden immer umfangreicher.

Was man aber jetzt schon weiß, ist, dass

das „Training“ oder die Behandlung der

Faszien ein wichtiger Teil von Therapie

und Rehabilitation sein sollte bei unter­

schiedlichen Beschwerden: Nacken-,

Schulter- oder Rückenschmerzen, Gelenk­

schmerzen oder auch bisher undefinier­

baren Schmerzen.

Faszien – die wichtigsten Fakten

1. In allen Teilen unseres Körpers befindet

sich fasziales Gewebe, als Hüllschichten

der Muskeln und der Organe. Sogar

jede unserer Zellen wird von einer

Faszie umhüllt.

2. Faszien sind Vermittler zwischen Mus-

keln und Knochen. Sie bieten mehr

Beweglichkeit als Knochen, aber gleich-

zeitig auch mehr Stabilität als Muskeln.

3. Faszien verfügen über sogenannte

„kontraktile“ Elemente, das heißt, sie

können sich zusammenziehen, wie

man an der Uni Ulm nachgewiesen

hat. Das kann man auch als Spannung

oder Steifigkeit spüren, wenn man

dauerhaften Stress hat. Denn durch den

Stress erhöht unser autonomes Nerven-

system den „faszialen Tonus“, also den

faszialen Spannungszustand.

4. Faszien sind wahrscheinlich unser größ-

tes Sinnesorgan. Denn sie enthalten

mehr Nervenfasern als beispielsweise

unsere Augen oder unsere Haut. Daher

kann eine Störung in der Faszie auch zu

sehr starken Schmerzen führen.

5. Über das körpereigene Fasziennetz, bzw.

fasziale Ketten, verteilen sich Kräfte im

gesamten Körper. Das heißt aber auch,

dass es zum Beispiel bei Überbelastung

an der einen Stelle zu (schmerzhaften)

Fehlspannungen an einer ganz anderen

Stelle des Körpers kommen kann.

Der letzte Punkt verweist auf die

sogenannte „Tensegrity“, die im Zusam-

menhang mit Faszien immer wieder

erwähnt wird.

Unser körpereigenes Netz – oder:

Was ist Tensegrity?

Das Wort ist ein ursprünglich aus der

Architektur stammendes Kunstwort, eine

Mischung aus „tensity“ (Gespanntheit)

und „integrity“ (Zusammenhalt). Gemeint

ist damit eine Art „vernetzter Zugspan-

nung“ – wenn man beispielsweise an einer

Stelle an einem Netz zieht, verteilt sich der

Zug auf das gesamte Netz. Übertragen auf

den Körper: Wenn man am linken Arm

zieht, erfolgt die Zugspannung bis ins

Bein.

Faszien-Training

Trainiert wird die Tensegrity bereits bei

manchen Yoga-Arten oder in den östlichen

Kampfkünsten (dazu gibt es in dieser

Illustration: ©Sarah Gertzen

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gesund sein