Foto: © Stefanie Heider, Evelina Galinis
Es gibt Menschen, die die Magersucht
nicht überleben. Denken Sie, dass das
Schreiben und das Reflektieren Ihnen
geholfen hat?
Ich finde, dass das Schreiben sehr gut
hilft, weil man dadurch viel besser reflek-
tieren kann. Wenn man zum Beispiel auf-
schreibt, wie viel Essen man hat verschwin-
den lassen, und das hinterher liest, dann
wird es einem sehr viel deutlicher.
Würden Sie sagen, dass Sie etwas verloren
haben durch diese Phase Ihres Lebens?
Meine wichtigste Zeit der Jugend. Ich
habe mit 16 angefangen, kritisch war es
bis 20. In dieser Zeit macht man so viele
Erfahrungen, geht feiern und lernt neue
Leute kennen. Das habe ich alles ver-
passt – und das wird einem erst hinterher
so richtig klar.
Wie wichtig ist Ihnen heute Normalität?
Extrem wichtig, auch wenn ich noch
keine Normalität beim Essen habe. Ein
fester Tagesablauf ist sehr wichtig. Wenn
ich beispielsweise Veranstaltungen an der
Uni habe, geht es mir viel besser, weil ich
dann aufstehe und eine Aufgabe habe.
Wenn ich aber frei habe, dann falle ich in
ein Loch und denke über Vieles nach.
Was würden Sie jungen Menschen emp-
fehlen, wenn sie das Gefühl haben, dass
ihr Essverhalten gestört ist?
Ich würde mich erst mal mit anderen aus-
tauschen, die denken, dass sie auch eine
Essstörung haben, um zu überprüfen, ob
es bei mir selbst nur eine Phase ist und
nichts Ernstes. Und sich dann gegebenen-
falls schnell Hilfe holen – je früher, desto
besser! Je mehr man abnimmt, desto
tiefer hängt man drin.
Sie haben bald Ihr erstes Semester Er-
ziehungswissenschaften hinter sich. Wie
gefällt Ihnen Ihr Studium?
Ich hatte erst BWL studiert, aber das hier
ist viel mehr mein Ding. Erziehungswis-
senschaften ist eher praxisbezogen, und
bei BWL wusste ich nie, was ich mal damit
machen wollte.
Sie sind in der letzten Zeit viel interviewt
worden. Gibt es eine Frage, die Ihnen
nie gestellt wurde, die Sie aber trotzdem
gerne beantworten möchten?
Ich fände es wichtig, dass die Leute
wissen, dass man nicht wieder gesund ist,
nur, weil man Normalgewicht hat. Ein
Standardsatz der Ärzte in der Klinik war:
„Sie müssen erst mal zunehmen, und
dann geht es Ihnen schon viel besser.“
Zum Teil ist es aber so, dass es mir jetzt
viel schlechter geht als zu der Zeit, in der
ich untergewichtig war, weil ich mich jetzt
damit auseinandersetzen muss. Damals
konnte ich sagen: Alles ist egal, Hauptsa-
che, ich bin dünn. Jetzt muss ich mich mit
allem auseinandersetzen und kann nicht
mehr den Standardsatz bringen: Ich bin
dünn, ich darf das.
einen harten Kampf: erst gegen den
eigenen Körper, dann ums Überleben.
Sie zeigen, wie schmal der Grat war, auf
dem die Autorin balancierte. Es ist ein
eindrucksvolles Buch, das auch dazu
gedacht ist, anderen Betroffenen zu
helfen. Ihnen zu zeigen, dass sie nicht
allein sind, egal, wie isoliert sie sich füh-
len. Ihnen zu zeigen, dass das Aufgeben
der Kontrolle nicht das Aufgeben des
eigenen Selbst bedeutet.
Für alle, die sich allgemeiner informieren
möchten über Essstörungen, sei es für sich
selbst, oder weil sie das Gefühl haben, je-
mand aus ihrem Umfeld könnte gefährdet
sein: Die Homepage „Bauchgefühl“ bietet
Information und Interaktion rund ums
ORANGE fragt – Hanna-
Charlotte Blumroth vom
Lehn antwortet
Das Buch:
Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn:
Kontrolliert außer Kontrolle.
Das Tagebuch einer Magersüchtigen
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 2012
(352 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro)
Web:
Informativ, interessant und hilfreich –
Seite zum Thema Essstörungen
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Thema Essstörungen, sie hilft erkennen
und verstehen. Auf der Seite gibt es einen
Bereich für Schulen und einen für Eltern
und eine E-Mail-Adresse, bei der man
anonym Fragen stellen kann, weil das
manchmal einfach leichter ist.
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gesund sein
gesund sein
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