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gesellschaftliche Stellung – in letzterem Fall die Zuge-

hörigkeit zur ungebildeten und undisziplinierten Unter-

schicht, – so jedenfalls der gesellschaftliche Konsens.

Der Vegetarier hingegen dokumentiert, dass er aktiv an

einer besseren und gerechteren Gesellschaft arbeitet.

Ist Moral unmoralisch?

Wenn ein Mensch oder gar eine Menschenmasse sich

im Recht fühlt, wenn sie glaubt, das Richtige, Gute und

Wahre zu tun, begegnet sie abweichenden Meinungen

schnell mit Repressionen. Ein grundlegender Aspekt von

Moral ist, dass sie wertet: Das hier ist gut, jenes dort ist

schlecht, das hier ist richtig, alles andere falsch. Wer tut,

was ich für richtig halte, wer also meine Meinung teilt,

ist ein guter Mensch, wer nix tut oder etwas anderes,

tut in jedem Fall das Falsche, er ist zweifelsohne ein

schlechter Mensch, jedenfalls kein guter. Moral ist ab-

und ausgrenzend. Wie kann dann Toleranz Bestandteil

eines moralischen Regelwerkes sein? Dies scheint tat-

sächlich widerspruchsfrei nicht möglich zu sein.

Die Frage, wie viel Intoleranz tolerierbar ist, untersuchte

bereits der österreichisch-britische Philosoph Karl Pop-

per in seinem Werk »Die offene Gesellschaft und ihre

Feinde«: »Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz:

UneingeschränkteToleranz führt mit Notwendigkeit zum

Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbe-

schränkteToleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen,

wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschafts-

ordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen,

dann werden die Toleranten vernichtet werden und die

Toleranz mit ihnen.«

Die zweite Reformation

Toleranz, Hilfsbereitschaft, Gewaltfreiheit, Sanftmut – un-

sere offene Gesellschaft teilt ihre Grundüberzeugungen

mit dem Christentum. Die Rolle Gottes eines sanktio-

nierenden Controllers, der Gedanken und Taten seiner

Untergebenen überwacht, wird hier jedoch als gesamtge-

sellschaftliche Aufgabe interpretiert und in entsprechende

Normen überführt. So gleicht die moderne Gesellschaft

einer christlichen Gemeinde, die sich von ihrer allmäch-

tigen Führungsfigur emanzipiert hat.

Der Weg dorthin begann vielleicht in den indischen Ash-

rams, in denen der westliche Zivilisationsmensch seine

Spiritualität erforschte. Er setzte sich fort mit der Popu-

larisierung indigener Glaubenssysteme, mit Yoga und

Bachblüten, Homöopathie und dem Hype um den Dalai

Lama. Ohne Lehre und Lehrer schien Spiritualität nicht

zu funktionieren, nicht lebbar zu sein. Und nun werden

wir Zeuge einer Umwälzung historischen Ausmaßes. Wir

erleben die zweite Reformation. Sie befreit den Glauben

von metaphysischem Nonsens und herrschaftlichem Den-

ken: einem höheren Wesen, Himmel und Hölle, Gehor-

sam und Unterwerfung, Strafe und Belohnung. Der herr-

schaftsfreie Diskurs scheint nun endlich auch im Glauben

angekommen zu sein.

Das Streben nach dem gelungenen

Leben ist ohne das Ringen um das

richtigeTun tatsächlich kaum vorstell-

bar. Aber was ist richtig? Moralisches

Handeln lässt sich nicht rational be-

gründen. Man kann nur daran glau-

ben, dass Freiheit, Gleichheit und

Brüderlichkeit, Toleranz und Mitge-

fühl, Sanftmut und Zugewandtheit

besser sind als Unterdrückung, In-

toleranz und Gewalt. Es wird immer

Situationen geben, in denen Selbst-

sucht vorteilhaft erscheint und Rück-

sichtslosigkeit als probates Mittel.

Wer in solchen Situationen von sich

absieht und sich der Nächstenliebe

verpflichtet fühlt, den muss man

wohl als Gläubigen bezeichnen.

Autor: Rüdiger Fischer,

Anders Björk GmbH.

Studium der Philosophie.

Autor, Künstler,

Werbetexter.

Versicherter der

VIACTIV seit 2004.

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03|2015