Inform 3 / 2015
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Moral. Glaube. Identität.

Tubbs und Crocket werfen sich lässig ihre pastellfarbenen

Sakkos über. In farblich abgestimmtenWildleder-Slippers

schlappen sie über einen der Piers in Miami zu ihrem

Ferrari. Alle sehen gut aus, denn alle kümmern sich um

ihren Körper. Der muss auch fit sein, denn die ständi-

gen Sexpartys und die Berge von Schnee zehren sonst

irgendwann an der Substanz. Die Leute haben Fun, oft

tagelang am Stück. Das Gleiche auf Hawaii, wo Thomas

Magnum seinen Körper beim Surfen in Form hält. Die

Leute machen viel Sport, und das ist ja auch eine Form,

bei sich zu sein und Spaß mit sich zu haben. In Deutsch-

land gibt’s das auch, aber hier läuft es naturgemäß ein

bisschen anders als in Amerika. Wir erfinden mit Techno

eine Musik, die eigentlich nur zu ertragen ist, wenn man

bis Oberkante Unterlippe mit Ecstasy zugedröhnt ist.

Dazu tagelang tanzen. Hyper Hyper. Lang ist’s her. Die

Loveparade hatte im Jahr 1999 1,5 MillionenTeilnehmer.

Danach ging es bergab. Das Ganze nannte sich Spaß-

kultur. Als einer der Letzten äußerte sich der Hamburger

Freizeitforscher Horst W. Opaschowski 2001 in der FAZ

zumThema. Nun war der Spaß wirklich vorbei. Hedonis-

mus war so was von Last Millennium …

Aufbruch

in die sanfte

Gesellschaft

Haltung zeigen

Es kamen: Fairtrade. Vegetarismus. Elektroautos. Nun

ging es nicht mehr darum, Freude zu empfinden, sondern

darum, das Richtige zu tun. Die Moral kehrte nach vielen

Jahren wieder als beherrschendes Leitmotiv in die Mitte

der Gesellschaft zurück. Die Anti-Atomkraft-Bewegung

der 80er-Jahre und die Ökobewegung, die etwa zeitgleich

entstanden, waren zwar bereits weit in die Mitte der

Gesellschaft hineinreichende Strömungen mit einer mo-

ralischen Grundhaltung, es fehlte ihnen aber an Stilbe-

wusstsein. Den vorläufigen Höhepunkt des moralischen

Gefühls erlebten wir in den Septemberwochen dieses

Jahres, als die deutsche Bevölkerung sich an ihrem Mit-

gefühl gegenüber den Flüchtlingsmassen berauschte.

Deutschland zeigte Haltung, und dies scheint mittler-

weile zentrale Bedingung einer Haltung sein zu müssen:

dass sie repräsentierbar ist. Moral kann wie eine Hand-

tasche sein: Sie zeigt, wie viel Geschmack und Stil man

hat. Sie kann also dabei helfen, einen als Individuum in

der Gesellschaft sichtbar zu machen. Eine Haltung wie

beispielsweise Bescheidenheit ist hierzu denkbar wenig

geeignet. Bescheidenheit ist schlichtweg nicht stimmig

präsentierbar.

Gutes und schlechtes Essen

Das Richtige kann man nicht nur tun, indem man Flücht-

linge unterstützt. Es gibt vieleWege, zu einem besseren

Menschen zu werden. Man kann zum Beispiel damit

aufhören, Tiere zu essen. Anderen Lebewesen Leid zu

ersparen ist ohne Zweifel eine ehrenwerte Haltung. Die

Frage ist nur, warum uns das durch die Massentierhaltung

verursachte Leid bis vor ein paar Jahren kaum gestört hat.

Warum ist aus dem »Schlachtvieh« ein »Mitgeschöpf«

geworden? Warum betrachten wir das »Schlachtvieh«

jetzt anders? Es ist ja nicht so, dass wir einen uns vorher

verborgenen Sachverhalt endlich aufgedeckt hätten. Wir

bewerten einen Umstand nur anders. Und dafür muss

es einen Grund geben. Nahrung ist seit jeher zentral für

die Kommunikation von Lebensstilen. Es sind ja nicht nur

die Religionen, die uns Nahrungsvorschriften machen,

sondern ebenso die Medizin oder auch Frauenzeitschrif-

ten mit ihren ästhetisch motivierten Diätvorschlägen. Da-

hinter steckt die Annahme, dass wir – indem wir kont-

rollieren, was wir aufnehmen – uns selbst kontrollieren.

Wir können entscheiden, wer wir sind. Fettleibige bei-

spielsweise – so die vorherrschende Meinung – können

das nicht. Sie besitzen keine Selbstdisziplin, also keine

Kontrolle. Das Gleiche gilt für das Konsumieren schädli-

cher Substanzen wie Nikotin, Alkohol, tierischer Fette …

Mit dem, was man aufnimmt, kommuniziert man seine

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