Inform 3 / 2014
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nicht so sein Ding?!« Immer mehr junge Leu-

te mit elektronischen Gerätschaften aller Art

steigen in den Zug. Sie kommen in Grüppchen,

sie stecken die Köpfe zusammen, sie sind meist

männlich und sie sehen sympathisch aus. End-

station Messe Köln – die Massen streben gen

gamescom.

Zwischen den jungen Männern schlendern

auch ein paar ebenso junge Frauen. Dazwi-

schen wunderschöne Gestalten aus mystischen

Welten mit unglaublich fantasievollen, aufwen-

digen Kostümen – großartig. Das sind Cosplay-

er, erfährt die Mutter. Sie imitieren die sagen-

haften Helden ihrer Spiele – ihnen ist ein ganzes

Areal bei der gamescom gewidmet. Überhaupt

ist die Stimmung friedlich, freundlich und ge-

lassen. Trotz des unfassbaren Andrangs wird

nicht geschubst, gerannt oder gerempelt.

Die Gespräche der Gamer, die man in der

Warteschlange ungestraft belauschen kann,

lassen auf ein erkleckliches Maß an Bildung

schließen: »Gar nicht mal so dumm, diese Leu-

te!« Überall sitzen und warten sie geduldig auf

Einlass zu ihren favorisierten Games. Uner-

schrocken und gelassen, trotz der Warnungen

am Wegesrand: »Ab hier 90 Min.«

Gamer sind

gechillt

– auch das lernt die

Mutter an diesem Tag und entspannt sich zu-

sehends. Der Sohn nicht. Fünfzehn zu sein, ist

ein Fluch hier auf der gamescom. Noch nicht

sechzehnjährig ist man gezwungen, mit einem

entwürdigenden grünen Bändchen am Handge-

lenk herumzulaufen. Damit ist er auf der Stufe

der zwölfjährigen »Kinder« und darf nichts.

Die Stimmung ist am Boden.

Jetzt geschieht das Unglaubliche: Die Mutter

überredet den Sohn, doch noch ein bisschen zu

bleiben. Gemeinsam betreten sie die Halle der

»League of Legends«. Die Ränge sind picke-

packevoll, auf der Bühne sitzen die zehn Hel-

den des Tages, angetreten zum Semifinale. Die

Jungs werden gefeiert wie Popstars. Jeder hier

scheint sie zu kennen – die Mutter nicht. Und

dann beginnt das Spiel, moderiert auf Englisch!

Der Sohn versteht jedes Wort, die Mutter muss

ständig nachfragen. »Englischvokabeln? Wann

hatte er sich je damit beschäftigt?«

Übertragen wird der

Battle

auf riesigen Mo-

nitoren in der Halle, die Wettkämpfer sitzen in

Sesseln wie Captain Kirk und Mister Spock auf

der

Enterprise.

»

Nice,

hast du diesen Zug gese-

hen?«, begeistert sich der Sohn. Die Mutter hat

weder den Zug gesehen noch das hoch kompli-

zierte Spiel verstanden. Aber wenn sie wieder

zu Hause ist, wird sie nie mehr beschämt den

Namen dieses Spiels verschweigen: »League of

Legends« ist weder dumm noch brutal – auch

diese Lektion hat die Mutter gelernt.

Überhaupt wird die häusliche Situation nach

der gamescom eine andere sein. Statt wie ge-

lähmt und voller Furcht das Treiben des Spröss-

lings täglich eingehend zu beobachten und zu

bewerten, legt die Mutter mehr Gelassenheit an

den Tag. Gamer statt Surfer – diese Vorstellung

hat ihren Schrecken verloren.

RUMMS!

Da knallt sie zu, die Woh-

nungstür. Es ist Anfang Dezember. Hinter der

Tür steht die Mutter. Vor der Tür ist der Sohn

auf dem Weg nach draußen.

Das hat er eigentlich auch im Sommer schon

getan – das hatte die Mutter allerdings bei der

ganzen »Mach doch mal endlich den Compu-

ter aus«-Debatte übersehen. Keine Monitore

erhellen jetzt das dunkle Zimmer hinter der

geschlossenen Tür. Die »Liga der Legenden«

muss warten – bis er zurück aus der realen

Welt ist. Aber es wird keine weiteren Vorträge

über die mannigfaltigen Vorzüge von Bewe-

gung an frischer Luft und über die Jugend der

Mutter in

selbst gebauten Baumhäusern

geben.

© Koelnmesse

gechillt:

sich beruhigen/

entspannen

Battle:

Wettkampf

Raumschiff

Enterprise

erfolgreiche Scifi-

TV-Serie aus dem

vergangenen Jahr-

tausend

nice:

engl. für famos

Baumhaus:

Real-Life-DIY-Out-

door Basis

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