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RUMMS!

Da knallt sie zu, die Tür zum

Kinderzimmer. Hinter der Tür sitzt der

Heranwachsende, 15 Jahre alt, Headset auf

dem Kopf, hinter zugezogenen Vorhängen, seit

Stunden schon, draußen scheint die Sonne,

drinnen erhellen zwei Monitore das dunkle

Zimmer. Mit ihm sind vier gleichaltrige Jungs

im Raum – allerdings nur virtuell, das reale

Getöse ist jedoch ohrenbetäubend: »Ey Alter,

sieh zu! Los! Mach was, der ist hinter dir. Shit!«.

Es wird lauthals angefeuert, gewarnt, gelacht

und extensiv gezockt.

Vor der Tür steht die Mutter, 45 Jahre alt,

Stehhaare, will mit dem Heranwachsenden raus.

Es sind Ferien, die Sonne scheint vom wolken-

losen Himmel. Verbote, Abmachungen, Famili-

enkonferenzen, monetäre Lockangebote, Strom-

sperre, Entfernen des Computers – die Liste der

gescheiterten Versuche, den hauseigenen

»Ga-

mer«

aus der

»League of Legends«

zu befreien

und beispielsweise stattdessen aufs Surfbrett zu

stellen, ist lang.

Die Welt, in der der Junge offensichtlich jede

Menge Spaß hat und sich köstlich mit seinen

Freunden – die alle übrigens auch im echten Le-

ben neben ihm in der Schule sitzen – amüsiert,

ist seiner Mutter vollkommen fremd. Wälder,

Höhlen, Dörfer, Gebirge – und mittendrin

schwebende Heiler, Kämpfer mit vielen Leben,

multitalentierte Identitäten, hoch komplizierte

Angriffsstrategien. Es knallt, scheppert und bal-

lert, übertönt vom Palaver der fünf

skypenden

Neuntklässler.

Die Mutter ist besorgt: »Was soll bloß aus

dem Jungen werden?« Hatte sie sich nicht ei-

nen intellektuell-sportlichen Tausendsassa ge-

wünscht? Eine größere Version des quirligen

5-Jährigen der ständig mit aufgeschlagenen

Knien durch die ECHTE Natur raste. Vor ihrem

geistigen Auge sieht sie ihn immer dicker wer-

den, an Diabetes erkranken, wegen starker Hal-

tungsschäden mit Muskelschwund an Krücken

gehen, langsam, aber sicher verblöden und zu

guter Letzt – wie ein Vampir zu Staub zerfallen,

wenn er von einem Sonnenstrahl getroffen wird.

Das alles interessiert den Sohn nicht die Bohne.

Er findet Eltern blöd und ahnungslos. Und das

kommt der Mutter jetzt wieder sehr bekannt vor.

Es ist immer noch Sommer, Mitte August.

Köln lädt zur

gamescom.

Der Sohn will unbe-

dingt hin. Die Mutter auf gar keinen Fall. Nach

langen Debatten steigen die beiden an einem

Freitagmorgen in den Zug nach Köln. Vorsichts-

halber stellt sie sich auf der Fahrt schon einmal

das Szenario vor: Jede Menge anämischer, dick-

licher, krummer

Nerds

schleichen durch düstere

Hallen.

Immerhin nutzen die beiden die Anreise für

echte Mutter-Sohn-Gespräche. »Merkwürdig,

wie gewählt sich dieser nicht lesende Kerl aus-

drücken kann. Wo er das herhat? Lesen ist ja

Von Müttern, Söhnen und

gamern

Gamer:

Computerspieler

League of

Legends:

Online-Rollenspiel

Skype:

Bildtelefonie

gamescom:

weltgrößte

Computer-

spielemesse

Nerd:

engl. für Fachidiot,

Computerfreak,

Sonderling

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