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Schule ist eine Trainingsanlage für

konformes, leistungsorientiertes Ver-

halten und Denken. Die Universitäten

wurden von einem Ort, an dem man

seinem Erkenntnisinteresse nachge-

hen durfte, durch die Hochschulre-

form erfolgreich in eine Zuchtanstalt

für stromlinienförmige Angestellte

umgewandelt. Lauter emsige Amei-

sen. Wieso dann noch an der Idee des

reinen, vom Kommerz unbesudelten

Weihnachten festhal-

ten? Weil Weihnach-

ten wichtig für uns ist.

Und das hat etwas mit

dem Sinn des Schen-

kens zu tun.

Das Geschenk schafft ein Netzwerk

gegenseitiger Verpflichtungen. Es ist

eine Alternative zur Familie, deren

gegenseitige Verpflichtung durch die

Abstammung (und natürlich ökono-

mische Abhängigkeiten) begründet ist.

Das Geschenk ist auch eine ressour-

censchonende Alternative zum Krieg.

In der Soziologie bezeichnet man das

Geschenk als soziale Sanktion – es

verlangt nach einer sozialen Antwort.

Diese besteht in der Regel aus einer

Dankesgeste (die nicht von ungefähr

der Unterwerfungsgeste ähnelt) und

zumeist einem Gegengeschenk. Mit

diesem System gegenseitiger Ver-

pflichtungen versicherten sich sozi-

ale Gruppen wie Großfamilien oder

Stämme gegen kriegerische Ausein-

andersetzungen. Das Geschenk wird

persönlich überreicht, man lernt sich

kennen und wen man kennt, gegen

den zieht man nicht so ohne Weiteres

in den Krieg.

Kinder sind übrigens von der

Geschenkökonomie

ausgenommen

und werden erst später in das System

der gegenseitigen Verpflichtungen ein-

geführt. Ihnen wird erklärt, das Ge-

schenk stamme von einem unbekann-

ten Dritten – dem Osterhasen, dem

Nikolaus oder eben dem Weihnachts-

mann. So sind sie nicht verpflichtet,

mit ihren noch unzureichenden öko-

nomischen Ressourcen das Geschenk

angemessen zu erwidern. Eine Aus-

nahme stellt hier natürlich die von al-

len Eltern gefürchtete Kindergeburts-

tagsparty dar. Diese haben sich in den

letzten Jahren zu einer kostenintensi-

ven Veranstaltung gewandelt.

Dabei ist jedoch

das Übergeben

der Geschenke

v on un t e r g e -

ordneter Bedeu-

tung – eine viel größere Rolle spielen

die Geburtstagsaktivitäten. Diese rei-

chen vom Klettergarten über Museums-

exkursionen bis hin zum Aufbau auf-

wendiger Hüpfburgenlandschaften.

Wurde das eigene Kind zu einem der-

artigen Event eingeladen, kann man als

Eltern dann natürlich nicht mit Sack-

hüpfen und Eierlaufen kommen. Man

ist in einer Spirale der Erwiderung ge-

fangen. Darin ähnelt der Kinderge-

burtstag auffallend dem traditionellen

Potlach der amerikanischen Indianer

der nordwestlichen Pazifikküste. Der

Potlach wird von einem Häuptling ei-

nes Stammes veranstaltet und ist auch

als Fest des Schenkens bekannt. Die

größte Ehre erwirbt sich dabei der

Häuptling, der seine Gäste am reichs-

ten beschenkt. Nicht selten verschenkt

der Häuptling den gesamten Besitz sei-

nes Stammes –

und ruiniert ihn

so. Das ist okay,

weil jeder Häupt-

ling in seinem Le-

ben nur einmal,

höchstens zwei-

mal einenPotlach

ausrichtet. Aber

Kindergeburtstag

ist jedes Jahr.

Warum in aller

Welt machen sich

Familienangehörige

untereinander

Geschenke?

Sind sie – der Theorie nach – nicht

ohnehin ausreichend sozial miteinan-

der verknüpft? Man darf dabei nicht

vergessen, dass erfolgreiche Strategien

stets auf andere Bereiche übertragen

werden. Wenn es für Frieden sorgt,

Fremden Geschenke zu machen, kann

es nicht schaden, das auch mal mit der

eigenen Familie zu versuchen. Man

weiß ja nie … Außerdem existiert der

traditionelle ökonomische Klebstoff,

der Familien einstmals zusammen-

hielt, so nicht mehr. Der Einzelne ist

im Falle von Krankheit oder Erwerbs-

losigkeit sowie im Alter durch den

Staat abgesichert und bedarf der Fa-

milie nicht mehr. Die Ehefrau erhält

kein Haushaltsgeld mehr durch einen

wohlwollenden Ehemann, sondern

bringt selbst Geld nach Hause. Die

Familie ist fragil geworden. Um ihren

Erfolg zu beurteilen, wird nicht mehr

der ökonomische Status, also die Ver-

sorgungssituation abgefragt, sondern

es werden Glück und Zufriedenheit

gemessen. Da kann es nicht schaden,

ein Ritual zur Hand zu haben, bei

dem es genau darum geht: den ande-

ren glücklich und zufrieden zu ma-

chen. Wie das gelingen kann, ausge-

rechnet zu Weihnachten, das leider so

oft schiefläuft?

Mein Freund (der mit dem Lineal)

hätte gesagt:

Vielleicht wäre das eine Idee für Weih-

nachten. Sollen die iPhones doch in

den Regalen verschimmeln. Erzählen

Sie Ihren Liebsten, wer sie sind.

»Ich verschenke eigentlich keine

Sachen. Ich verschenke Aufmerk-

samkeit. Ich weiß, wer du bist.

Und davon erzählt mein Geschenk.«

SCHENKEN KNÜPFT, ERHÄLT

UND VERSTÄRKT SOZIALE BANDE.

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03|2014