Inform 3 / 2014
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Ich kannte mal jemanden, der ei-

nen besonderen Blick für die Dinge

hatte, die noch nicht dort angekom-

men waren, wo sie eigentlich hinge-

hörten. Er tauschte sie ein, er erwarb

sie oder nahm sie einfach mit, wenn

sie niemandem gehörten, und schenk-

te sie dann einem Freund oder Be-

kannten. Er tat das ohne große Geste,

er wickelte die Geschenke oft in ein

Stück Zeitungspapier ein oder in ein

Geschirrhandtuch oder auch gar nicht.

Ich glaube, er machte das so, um den

Zwängen der Geschenkökonomie zu

entgehen. Anders gesagt – er wollte

keine Gegenleistung. Er wollte nur,

dass die Dinge nach Hause kamen, zu

der Person, bei der sie ihren Zweck

erfüllen konnten oder wertgeschätzt

wurden.

Ich habe von ihm ein Holzlineal

von Faber-Castell, der obere Teil mit

der Skala ist hell lackiert. Darauf sind

Tintenkleckse in Blau und Schwarz

von jemandem, der einmal ein Schüler

war und den ich nicht kenne und der

auf eine mir unbekannte Schule ging.

Es ist ein schönes Lineal, aber was

zum Henker sollte ich mit dem Ding?

Ein paar Jahre später inspirierte es

mich zu einer Kunstinstallation mit

dem Titel »Messen & Herrschen«. Ir-

gendwie hatte es seinen Zweck erfüllt.

Weihnachten war mein Freund von

der Bildfläche verschwunden. Er ließ

sich niemals einladen oder gar hin-

reißen, ein Weihnachtsgeschenk zu

machen. Ich denke, das ritualisierte

Schenken war ihm ein Gräuel. Ich ha-

be ihn dafür sehr respektiert. Jemand,

der die Dinge schätzt, ohne ein Mate-

rialist zu sein. Jemand, der es bedau-

erte – so vermute ich jedenfalls –, dass

der Sinn des Rituals des Schenkens

mit der Zeit in Vergessenheit geraten

ist und nur noch eine leere Hülle hin-

terlassen hat.

Ich erinnere mich an

die Weihnachtsfeste

meiner Kindheit,

an die Schlipse, Socken und Rasier-

wasser (Sir Irisch Moos), die mein

Großvater mit großer Regelmäßig-

keit geschenkt bekam. An Vasen und

Parfums (Tosca), die meine Groß-

mutter mit gespielter Überraschung

entgegennahm. An meine Geschenke

erinnere ich mich nicht besonders

gut, vielleicht weil ich da gar nicht so

scharf drauf war. Mir gefiel das Leb-

kuchenbacken mit Opa oder wenn zu

Advent die Weihnachtspyramide an-

gezündet wurde und die Figuren sich

nur langsam in Bewegung setzten und

dann immer schneller drehten. Die

Verpflichtung zur Freude an Heilig-

abend empfand ich jedoch als Stress.

Das so zu benennen, konnte ich aber

nicht, weil es das Wort Stress damals

noch nicht gab.

Heute habe ich

einen anderen Blick auf

Weihnachten.

Natürlich ist es für mich immer noch

ein Fest, an dem ich mich etwas un-

wohl fühle – wie immer, wenn von mir

erwartet wird, etwas Bestimmtes zu

fühlen. Und natürlich ärgert es mich,

dass man schon im September Weih-

nachtsartikel bei den Discountern

kaufen kann, wenn man das will. Die

Kommerzialisierung von Weihnach-

ten mag man beklagen und auch ich

bin nicht frei davon. Aber ist das nicht

bigott angesichts der Tatsache, dass

unsere gesamte Existenz kommerzi-

alisiert ist? Wieso sollte ausgerechnet

Weihnachten davon ausgenommen

sein? Unser ganzes Leben ist darauf

ausgerichtet, etwas zu produzieren

und anschließend von anderen Men-

schen produzierte Gegenstände oder

Dienstleistungen zu erwerben. Die

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