Inform 3 / 2013 - page 4

Der endlose schwedische Sommer. Im letzten
Licht des Tages laufen Mädchen in Sommer-
kleidern und Buben in kurzen Hosen und Ka-
rohemden über eine Wiese und spielen Fangen.
Sie leben in Bullerbü, dort, wo die Welt noch in
Ordnung ist. In zauberhaften Bildern verfilmte
Lasse Hallström 1986 Astrid Lindgrens Vorlage.
Spätestens seitdem steht Bullerbü für die Sehn-
sucht nach der heilen Welt, von der alle sozialde-
mokratisch Sozialisierten sowieso schon immer
wussten, dass sie nur in Schweden liegen kann.
Inzwischen begreifen immer mehr Menschen,
dass alles Gute aus dem Norden kommt: Fahr-
räder aus der Kopenhagener Zweiradmanufak-
tur Christiania genießen bei allen ökologisch
Engagierten (und wer ist das nicht?) eine ähnli-
che Street-Credibility
1
wie die Kindermode von
Noa Noa (Nordseeland, Dänemark), und selbst
der Branchenführer IKEA gilt manchen noch
als Symbol für das Projekt sozialdemokrati-
schen, bezahlbaren Wohnens. So weit die Aus-
gangslage.
Café Bullerbü
Ein Café, irgendwo in einer deutschen Groß-
stadt. Es gibt dort eine Universität und ein paar
Wohngegenden, die früher einmal „alternativ“
waren, inzwischen aber durchgängig gentrifi-
ziert
2
sind. Mag auch so mancher auf die herz-
losen Investoren schimpfen und die Vertreibung
von Hausbesetzern und Arbeiterfamilien be-
dauern – die renovierten Altbauten ziehen gut
ausgebildete junge Familien an, die auch keine
schlechteren Nachbarn sind. Um glücklich zu
sein, brauchen sie portugiesische Bäckereien,
vegane Restaurants und Cafés, in denen man
rosafarbene Cupcakes und Apfelstrudel aus Bio-
äpfeln serviert. Die Cupcake-Cafés haben total
süße und ein wenig infantile Namen wie „Liebes
Bisschen“ (Hamburg), „Tigertörtchen“ (Berlin)
oder „Fräulein Lecker“ (Dresden). Im Café sit-
zen junge Mütter und junge Väter mit ihren Kin-
dern. Alle tragen Kleidung, die irgendwie nach
den 30er-Jahren aussieht. Die Mädels grund-
sätzlich Kleider oder Röcke, gern mit Strick
kombiniert, die Jungs Hosen mit Hosenträgern
und Schiebermützen.
Mein Kind
©
Kinder als Statussymbole und Accessoires sind
eine relativ neue Erfindung. Während der über-
wiegenden Dauer der Menschheitsgeschichte
waren Kinder einfach die unvermeidliche Folge
des Sexualtriebes und nebenbei eine ganz pas-
sable Altersversicherung. Dann kam die Pille, es
Die
Bullerbü
sierung
der
Kindheit
1
Szenejargon: Glaubwürdigkeit auf der Straße, gilt eher für Gangsta-
Rapper und Skater.
2
Umwandlung angestammter Wohngebiete und Verdrängung des
traditionellen Milieus.
GESELLSCHAFT & KULTUR
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