Inform 3 / 2013 - page 11

Dass diese Sichtweise auch ihre Tü-
cken hat, mussten wohl sehr viele von
uns schon einmal am eigenen Leib
erfahren: Nach einer antibiotischen
Therapie ist die Entzündung zwar
besiegt, aber leider auch die geregel-
te Verdauung perdu. Der Grund da-
für sind Darmbakterien, die uns bei
der Verwertung unserer Nahrung
helfen – und die eine Antibiose nicht
überleben. Penicillin ist eine Massen-
vernichtungswaffe.
Man kann sich das so vorstellen: Der
Mensch ist wie ein Hotel, in dem ei-
ne ganze Menge Gäste untergebracht
sind. Genau genommen beherbergt
der Mensch 100 Billionen Bakterien
und besitzt dabei gerade einmal zehn
Billionen Körperzellen. Im Mund le-
ben insgesamt etwa zehn Milliarden
Bakterien, auf der Haut rund eine Bil-
lion. An den Armen sind es nur we-
nige Tausend, in den Achseln jedoch
mehrere Milliarden pro Quadratzen-
timeter. Sie ernähren sich von den
rund zehn Milliarden Hautschuppen,
die täglich abgegeben werden, sowie
von Mineralstoffen und Fetten, die
die Haut abgibt. 99% aller Mikro-
organismen besiedeln jedoch den
Darm des Menschen und helfen ihm
dabei, die aufgenommene Nahrung zu
verwerten. Eigentlich ist der Mensch
ein Zweckverband, eine Ansammlung
unterschiedlichster Lebewesen zum
Zwecke der gegenseitigen Vorteils-
nahme.
Zurück zum Hotel. Alles läuft prima,
die Gäste packen ordentlich mit an,
allen geht es gut. Aber dann kommt
eine Rockband, mietet sich in einer
Suite ein und beginnt gleich am ersten
Abend zu randalieren. Wie wird man
die Störenfriede wieder los? Ein An-
tibiotikum zu nehmen bedeutet, die
Rockband mitsamt allen 100 Billi-
onen Gästen aus dem Hotel zu wer-
fen. Bis die alle wiederkommen, kann
es dauern. Studien zeigen, dass sich
zwar der Großteil der Darmbakterien
einen Monat nach einer antibakteri-
ellen Therapie wieder erholt hat, be-
stimmte Stämme sich aber auch noch
nach einem halben Jahr nicht wieder
angesiedelt haben. Dafür haben sich
antibiotikaresistente Darmbakterien
der Art „Clostridium difficile“ stark
vermehrt und lösen schwere Durch-
fälle aus.
Auch die Scheidenflora ist nach einer
Antibiose erst mal aus dem Spiel. Die
Scheidenflora übernimmt grundsätz-
lich eine Art Platzhalterfunktion und
verhindert dadurch, dass schädliche
Keime sich dort ansiedeln. Zusätzlich
vergären dort angesiedelte Lakto-
bazillen unter dem Einfluss von Öst-
rogen Traubenzucker zu Milchsäure
und sorgen so für ein saures Milieu, in
dem Krankheitserregern die Ansied-
lung misslingt. Bakterien machen sich
überall nützlich. Aber wie das immer
so ist: Irgendjemand muss immer aus
der Reihe tanzen und Ärger machen.
Kommen wir also zu den bösen Bak-
terien.
Die bösen Bakterien schädigen unse-
ren Körper durch Gifte, die sie aus-
scheiden oder die freigesetzt werden,
wenn ein Bakterium abstirbt. Nichts
davon tun Bakterien „mit Absicht“,
denn den Wirt umzubringen verbes-
sert die Situation des Bakteriums ja
nicht entscheidend. Im Gegenteil be-
deutet der Tod des Wirts den eigenen
Tod. Vom ethischen Standpunkt aus
gesehen müsste man Bakterien al-
so von jeglicher Schuld freisprechen,
denn sie schaden den Menschen ja
nicht mit Absicht. In praktischer Hin-
sicht jedoch ist Nachsicht fehl am
Platz, wenn die Gegner Yersinia pestis
(Pest), Bacillus anthracis (Milzbrand)
oder Vibrio cholerae (Cholera) heißen.
Wie schützt man sich nun vor der Pest
und anderen fiesen Bakterien? Die
simple Antwort lautet: Hygiene. Sei-
fe hat mehr Leben gerettet als jeder
andere medizinische Fortschritt, An-
tibiotika eingeschlossen. Wir selbst
müssen dabei eigentlich gar nichts
anders machen als sonst – unsere nor-
malen Hygienemaßnahmen reichen
völlig aus, um die bösen Bakterien in
Schach zu halten und die guten nicht
um die Ecke zu bringen. Wenn man
es dann noch vermeiden kann, Geld-
münzen in den Mund zu stecken, Ge-
länder abzulecken oder in zwielich-
tigen Billigimbissen sein Mittagessen
einzunehmen, sollte man eigentlich
ganz gut über die Runden kommen …
Seit den Zeiten Robert Kochs ist dasVerhältnis zwi-
schen Mensch und Bakterie traditionell angespannt.
Für den Mitbegründer der modernen Bakteriologie
und Mikrobiologie galt: Nur ein totes Bakterium ist
ein gutes Bakterium.
WUSSTEN SIE, …
dass nach dem Darm die größte Vielfalt
an Bakterien im Mund zu finden ist?
In einem gesunden Darm leben rund
1.000.000.000.000
(1 Billion) Bakterien pro Milliliter Darminhalt.
Im Mund leben allein 7.800 Arten auf der
Zunge, 4.000 im Rachen, rund 7.000 im
Speichel und in den Zahnfleischtaschen
sogar über 14.000 Bakterienarten.
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