Inform 2 / 2014 - page 4

Anita Ekberg oder eine ihr ähnelnde stämmi-
ge Blondine steigt gravitätisch-bedächtig in die
Fontana di Trevi oder etwas, das aussieht wie
eine Schimäre aus einem griechischen Tempel
und ambitioniertem Jacuzzi-Nachbau aus dem
Hobbykeller. Der Geruch von Pommes mischt
sich mit dem von Chlor und Kinderpisse. Hyste-
rische Schreie, ein Gelärme jenseits der Referenz-
größe »startendes Kampfflugzeug«. Entweder
befinden wir uns in einer Hieronymus-Bosch-
Welt oder einem Spaßbad. Aus einem enddarm-
ähnlichen Kanal schießt ein Kind heraus. Es ist
mein Sohn: »Noch mal, noch mal!« Das fünfte
Mal, das neunte Mal, das dreitausendfünfhun-
dertvierundachtzigste Mal Wasserrutsche. Es ist
Murmeltiertag und es gibt kein Entkommen.
Unendlicher Badespaß …
Baden und Tattoos
Die meisten Leute im Spaßbad scheinen sich
prächtig zu amüsieren. Ich wäre ohne Kind
nicht hier. Aber wo sonst erhält man die Chan-
ce, an einem dunklen, verregneten Nachmittag
sein Kind für lächerliche 35,50 Euro praktisch
auf Autopilot fliegen zu lassen? Kein blödes Ge-
puzzel oder Memoryspielen oder Tuschen. Statt-
dessen darf ich im piwarmen Wasser stehen und
mir wünschen, ich hätte ein Paar ordentlicher
Ohrstöpsel. Mit Ohrstöpseln könnte ich mich
auch viel besser darauf konzentrieren, die Tat-
toos auf den Mutterkörpern zu decodieren. Ich
kann drei Hauptströmungen zeitgenössischer
Tattookunst ausmachen: Tribals, »Stammesab-
zeichen«, mit denen man ein bisschen aussieht
wie die rote Sonja auf dem Kriegspfad. Außer-
dem Schmetterlinge in mannigfaltigen Farben
beziehungsweise Formen und schließlich chi-
nesische Schriftzeichen. Die bedeuten angeblich
meistens so etwas wie Stolz oder Freiheit oder
Respekt. Ich glaube aber, dass da oft auch »Nu-
delsuppe« oder «Hähnchen süßsauer« steht. Die
meisten Menschen mit Chinesischen-Schriftzei-
chen-Tattoos sind keine Sinologen, behaupte ich
mal, und auch sonst mit der chinesischen Kultur
und Geschichte eher weniger vertraut. Woher al-
so diese Vorliebe für chinesische Schriftzeichen?
Ich finde, man könnte sich auch »Anstand« und
»Würde« in lateinischer Schrift tätowieren las-
sen. Auf den Arsch zum Beispiel: »Anstand« auf
die linke Backe, »Würde« auf die rechte. Dann
wüsste man jedenfalls genau, was da steht (auch
wenn man weit davon entfernt wäre, zumindest
mit Würde durchs Leben zu gehen …).
Baden und Essen
Ein weiterer Aspekt des Spaßbades ist die Ver-
pflegungssituation. Wer mehrere Stunden am
Stück Spaß hat, braucht auch was Ordentliches
zu essen. Ordentlich sind Pommes mit Mayo,
Schnitzel, Gyros und Currywurst. Für die Mut-
tis, die den Kampf gegen die Pfunde noch nicht
aufgegeben haben, gibt’s auch noch Alibisalat
mit Joghurtdressing. Alles in allem ist das voll
eklig. Man riecht das Fast Food auch noch im
Wasser. Aber wenn man davon ausgeht, dass die
Unendlicher
Badespaß
GESELLSCHAFT & KULTUR
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