Inform 2 / 2014 - page 26

Es ist zwanzig vor elf und ich stehe
im Stau. Um 11.00 Uhr ist die Vor-
besichtigung. »Tempo Tempo! Im
Wettlauf mit der Zeit«, eine Ausstel-
lung in der DASA in Dortmund zum
Zeitbewusstsein – vor allem in der
Arbeitswelt. Passt ja prima. Ich habe
keine Zeit, aber sitze hier und kom-
me nicht vom Fleck. Nennt man das
Entschleunigung? Gestresste stehen
doch darauf. ICH JETZT NICHT!
Erzwungene Ruhe hat bei mir den
gegenteiligen Effekt, ich werde zuneh-
mend unruhig. Der Blutdruck steigt.
»Was ist denn? Na los, mach schon,
du …!« Gut, dass mich im Auto nie-
mand hört. Nur noch zehn Minuten
bis Buffalo. Die Uhr tickt unaufhör-
lich. Endlich geht’s weiter. Ich rette
mich auf den Parkplatz am Friedrich-
Henkel-Weg, springe aus dem Auto
und haste ins Foyer – just in time!
Leicht mitgenommen und einge-
stimmt auf Zeitbewusstsein folge ich
der Gruppe in den ersten Teil der Aus-
stellung, »Raum« – es geht um Trans-
port und Verkehr. Ich erlebe mit, wie
das Bestreben, Entfernungen immer
schneller zu überwinden, das Trans-
portwesen bereits im 18. Jahrhundert
enorm beschleunigt. In dem Maße, in
dem die Post Briefe und Waren regel-
haft befördert, entsteht eine Infrastruk-
tur, die ein immer schnelleres »Von
hier nach dort« möglich macht. Durch
die Eisenbahn kommt es geradezu
zu einer Geschwindigkeitsrevolution.
Die Verkehrszeiten verkürzen sich,
die Mobilität steigt. Geschwindigkeit
wird zur Ideologie der Futuristen zu
Beginn des 20. Jahrhunderts. Und es
wird weiter beschleunigt. Zum Grü-
ßen bleibt dem Flieger da keine Zeit
mehr. Und es entstehen Produkte,
um die Reisezeit effizient zu nutzen.
Nicht mehr unser Ruf eilt uns voraus,
sondern das Smartphone. Ein perfek-
tes Werkzeug gegen Zeitverschwen-
dung. Denn Zeit ist Geld.
Ich habe leider niemals Zeit und fra-
ge mich, ob die Zeitknappheit der
einen das Geld der anderen ist. Oder
hat der, der Geld hat, auch Zeit, um
es auszugeben? Brechts zufriedener
Fischer fällt mir ein … aber mir bleibt
keine Zeit, weiter darüber nachzuden-
ken, denn schon geht es weiter in den
nächsten Bereich.
Rationalisierung und Effizienzdenken
bestimmen den Umgang mit Maschi-
nen und Arbeitskräften. Es regieren
Stopp- und Stechuhr: Zeit einsparen,
Produktionsabläufe optimieren. Der
Unterschied von Tag und Nacht ver-
schwindet zugunsten permanenter
Verfügbarkeit. Und nach der Arbeit?
Keine Zeit für Müßiggang, selbst
Konsumgüter tragen den vielverspre-
chenden Zusatz »quick«, »fix« oder
»express«. Das spart Zeit. So dringt
Schnelligkeit in jeden Bereich vor und
wird zum Verkaufsschlager: schneller
© cosmin4000/thinkstockphotos.de
FREIZEIT
26
02|2014
1...,16,17,18,19,20,21,22,23,24,25 27,28,29,30,31,32
Powered by FlippingBook