Inform 2 / 2013 - page 7

Autor: Rüdiger Fischer,
Anders Björk GmbH.
Studium der Philosophie.
Autor, Künstler,
Werbetexter.
Versicherter der
BKK vor Ort seit 2004.
auf der Erde festhängt. Selbst das isländische
Hochland, wo man es lange für unnötig hielt,
reißende Gletscherflüsse zu überbrücken, und
stattdessen Geländewagen mit hochgelegten
Luftansaugstutzen voraussetzte, ist mittlerweile
Ziel von Bussen mit Tagestouristen. Deren An-
wesenheit ist ein Affront gegen meine gefühlte
Individualität, die ich hier in aller Gottverlassen-
heit auszuleben gedachte. Aber offensichtlich
bin ich damit ganz und gar nicht allein.Was tun?
Natürlich kann man immer weiter hineinfahren
in die Wildnis. Aber irgendwann steht man wie
einst die amerikanischen Siedler am metaphori-
schen Pazifik.
Die Amerikaner haben ihre „Last Frontier“ –
die letzte Grenze – vom Pazifik in den Norden
nach Alaska hin verschoben. Ich suche meine
letzte Grenze in der Literatur, der Kunst oder
der Wissenschaft. Andere Menschen mögen
andere Ziele haben. Es ist die Suche nach dem
Neuen und Unbekannten, die Menschen über-
all auf der Welt antreibt und aufbrechen lässt.
Manche landen dabei auf Wegen, die man seit
Jahrhunderten ausgelatscht wähnte.
Auf dem Trampelpfad der Erleuchtung
Spätestens seit Hape Kerkeling sich mit „Ich bin
dann mal weg“ in die Annalen der Erbauungs-
literatur einschrieb, ist der Jakobsweg eine ernst
zu nehmende Alternative zum Dalai Lama ge-
worden. Wer spirituelle Inspiration sucht, muss
nun nicht mehr pseudophilosophisches Gequat-
sche über sich ergehen lassen, sondern kann sich
an der frischen Luft Bewegung verschaffen und
so nebenbei etwas für seine Fitness tun. Die stei-
gende Popularität des Jakobsweges blieb den
Reiseveranstaltern natürlich nicht lange ver-
borgen, und so kann man unter verschiedenen
attraktiven Pauschalangeboten wählen. Zum
Beispiel bietet das Reiseunternehmen
Heine Jako-
busreisen
eine Busreise entlang des Jakobsweges
an: „Reisen Sie bereits zum 27. Mal mit Gerhil-
de Fleischer, Präsidiumsmitglied der Deutschen
St. Jakobus-Gesellschaft und Autorin vieler Rei-
seführer, auf den berühmtesten Pilgerstraßen
der Welt! Auf historisch belegter Route werden
Sie die Höhepunkte des Caminos entdecken.“
Eigentlich ist es ja nicht Sinn der Sache, die Stre-
cke im Reisebus zurückzulegen, aber vielleicht
sehe ich das auch zu dogmatisch. Was weiß ich
schon übers Reisen?
Was ich übers Reisen weiß
Beim Reisen ist das Handtuch das Wichtigste.
Das Handtuch dient vor allem dazu, territori-
ale Ansprüche eindeutig zu regeln. Man denkt
vielleicht, dazu käme es nicht, aber Reisen fin-
det sehr oft in der Fremde statt. So, wie ich das
mit dem Handtuch verstanden habe, legt man es
einfach auf die Dinge drauf, die einem gefallen,
und dann gehören sie einem. Ich finde es sehr
zivilisiert, dass man so etwas ohne Gewalt regeln
kann. Für das Handtuch gibt es aber noch ande-
re praktische Anwendungsszenarien: Laut dem
Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist
ein Handtuch so ungefähr das Nützlichste, was
der interstellare Anhalter besitzen kann. Man
kann es sich zum Beispiel vors Gesicht binden,
um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder
dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von
Traal zu entgehen. Bei Gefahr kann man sein
Handtuch als Notsignal schwenken und sich
natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch
sauber genug ist.
Das ist das, was ich übers Reisen weiß.
Ich hoffe, es ist hilfreich.
Tex Rubinowitz: „Rumgurken“ –
Rubinowitz fliegt nach Bhutan, um dort eine Verkehrsampel abzugeben –
Bhutan hat nämlich noch keine. Er reist nach Usbekistan, weil er dort einen Elefanten kaufen will (was sich als
schwierig herausstellt). In Porto lauscht er in einer Buchhandlung mit zehn anderen Besuchern einer Dichterlesung
mit Ingo Schulze. Auch in Norwegens Hauptstadt schaut er vorbei: „Oslo ist scheußlich, völlig verbumfeit, wie
Duisburg und Tiraspol, zusätzlich hat Oslo so etwas dörflich Verranztes. Aber man kann von einem bis vor Kurzem
armen Kartoffel- und Kabeljaustaat, der quasi über Nacht zu märchenhaftem Reichtum gelangt ist, nicht verlangen,
dass er elegante Lösungen parat hat, wenn es an den Bau einer richtigen Stadt geht.“
BUCH-
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