Inform 2 / 2013 - page 4

Unsere Vorfahren konnten mit dem Begriff des
Erholungsurlaubs wenig anfangen. Sie waren als
Nomaden sowieso ständig unterwegs. Als sich
das gelegt hatte, die Menschen also sesshaft ge-
worden waren und Siedlungen gegründet hatten,
verließ man diese höchstens mal, um die Nach-
barsiedlung anzugreifen und niederzubrennen.
Lange Zeit dachte man überhaupt nicht daran,
sich mal ein paar Tage freizunehmen. Ging man
auf Reisen, war das gefährlich und mehr Arbeit
als Vergnügen. Man denke nur an die Ausflüge
Alexanders des Großen nach Indien und Ägyp-
ten oder die Stippvisite Attilas des Hunnen in
Europa. Auch die Reisen des Odysseus waren
für ihn selbst und seine Begleiter im Großen und
Ganzen eher unerquicklich. Es galt: Wer nicht
unbedingt losmusste, blieb zu Hause und nährte
sich redlich.
Das richtige Reisen erfand eigentlich erst der
Adel. Der hatte einerseits genug auf der hohen
Kante und war andererseits von der Pflicht der
täglichen Fron freigestellt. Das ist grundsätz-
lich sehr angenehm, aber irgendwann ist jeder
des Müßiggangs überdrüssig und ihn dürs-
tet nach Abenteuern. Diese fand man auf der
Großwildjagd in Afrika und bei Expeditionen
durchden südamerikanischenDschungel,in Indi-
en, China und denWüsten derWelt.Aber das war
noch Reisen und kein Urlaub. Urlaub kann nur
machen, wer arbeitet. Wenden wir uns also vom
erlebnishungrigen Adel ab und dem kleinen
Mann zu.
Urlaub bedeutet Erlaubnis
„Urlaub“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen
und bedeutet Erlaubnis – die Erlaubnis, sich von
der Truppe zu entfernen oder die Amtsstube
zu verlassen, um wichtige persönliche Angele-
genheiten zu erledigen. Ans Verreisen dachte
damals noch niemand, ja schon die Vorstel-
lung von freier Zeit war für einen Arbeiter im
19. Jahrhundert absurd. Den ersten Urlaub er-
hielten folglich auch nicht Arbeiter, sondern
Beamte des Kaiserreichs. Erst die Gewerkschaf-
ten erkämpften während der Weimarer Repub-
lik einen Urlaubsanspruch auch für Arbeitneh-
mer. Diese blieben zunächst notgedrungen zu
Hause und erholten sich dort von der Maloche,
denn Geld fürs Reisen war in diesem Milieu
nicht vorhanden. Das blieb weitestgehend so, bis
sich in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts
allmählich der Massentourismus als neue Form
des Reisens etablierte. Grundlage dafür waren
ein gehobenes Wohlstandsniveau und in dessen
Folge die Verbreitung des Automobils.
Statistisch gesehen fährt der deutsche Arbeitnehmer
einmal im Jahr in den Urlaub. Er legt dabei eine mitt-
lere Distanz von 850 Kilometern zurück und gibt am
Tag 76 Euro für Unterkunft und Verpflegung aus. Am
wahrscheinlichsten trifft man ihn auf Mallorca oder
an der Ostsee an. Der Mensch braucht Erholung, denn
das Arbeitsjahr war hart und unerfreulich. Erholung
findet man aber nicht zu Hause (dort ist und bleibt ja
alles wie immer), sondern irgendwo jwd.
GESELLSCHAFT & KULTUR
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