Inform 2 / 2013 - page 10

Kultursensibilität im Krankenhaus
Die BKK vor Ort hat ein Forschungs-
gutachten angeregt, das die Kul-
tursensibilität der Krankenhäuser
in Nordrhein-Westfalen untersucht
hat. „Kultursensibilität“ ist in der
stationären Versorgung kein ge-
bräuchliches Wort, was verbirgt
sich dahinter?
Berger:
Kultursensibilität ist die Auf-
merksamkeit für die kulturellen Prägun-
gen und Bedürfnisse zu behandelnder
und zu pflegender Menschen im Kran-
kenhaus sowie für die Folgen des me-
dizinischen und pflegenden Handelns.
Warum ist es notwendig, sich da-
rauf einzustellen? Eine Operation,
egal bei welchem Patienten, läuft
technisch immer gleich ab. Ein
Blinddarm ist immer ein Blinddarm.
Berger:
Richtig, nur der Patient interpre-
tiert die Situation nun einmal vor dem
Hintergrund seiner kulturellen Prägung.
Die Art der Wahrnehmung bestimmt
dann seine Zufriedenheit und somit
teilweise auch den Heilungsfortschritt.
Die Kultur beeinflusst, wie Menschen
mit ihrer Gesundheit umgehen und
was sie unter Gesundheitsversorgung
verstehen. Kultursensible Krankenhaus-
mitarbeiter erkennen in ihren Patienten
Durch einen steigenden Anteil von
Menschen mit ausländischen
Wurzeln entstehen in allen gesell-
schaftlichen Bereichen Herausfor-
derungen. Das gilt in besonderem
Maße für das Gesundheitssystem,
denn Gesundheitschancen und
-risiken sind kulturspezifisch.
Inwieweit dies Auswirkungen
auf die stationäre Versorgung in
Nordrhein-Westfalen hat, unter-
sucht eine Studie des Deutschen
Krankenhausinstituts (DKI).
Initiiert und finanziert wurde
die Studie zur Kultursensibilität
in nordrhein-westfälischen
Krankenhäusern vom Ministerium
für Gesundheit, Emanzipation,
Pflege und Alter des Landes
Nordrhein-Westfalen (MGEPA)
sowie von der BKK vor Ort.
Individuen und versuchen dies so weit
wie möglich zu berücksichtigen.
Und solche Einstellungen haben Ein-
fluss auf den Behandlungsverlauf?
Berger:
Selbstverständlich. Sprechen
Sie mit dem Pflegepersonal oder Psy-
chotherapeuten. Deren Ausbildung und
Leistungserbringung sind stark kultur-
sensibel ausgerichtet. Jeder kennt den
Begriff „kultursensible Pflege“ und weiß,
was sich hinter dem Begriff „biopsycho-
soziale Betrachtung“ verbirgt, der in der
Psychotherapie eine Selbstverständlich-
keit ist. Hier finden die Biografien der
Einzelnen in ihrer kulturellen Herkunft
und ethnischen Zugehörigkeit Berück-
sichtigung. Das ist sicherlich eine gute
Basis, um einen Erfolg versprechenden
Behandlungsverlauf zu sichern.
Aber es ist doch grundsätzlich so,
dass Menschen unterschiedlich re-
agieren?
Berger:
Ja, klar. Da wir unterschiedlich
wahrnehmen und mit den Informatio-
nen, die wir erhalten, unterschiedlich
umgehen – aber es gibt dabei häufig
spezifische Ausprägungen, die kultu-
rell geprägt sind. Zum Beispiel wird ein
Mensch, der sein Leben nach seinen
religiösen Überzeugungen gestaltet, bei
einem Krankenhausaufenthalt vielleicht
nicht alle für ihn notwendigen Rahmen-
bedingungen hierzu vorfinden, da ein
Krankenhaus zunächst ein Ort der Ge-
nesung ist und die medizinische Hilfe im
Vordergrund steht. Was dieser Mensch
aber in einem Umfeld, das kultursensibel
ist, vorfinden kann oder sollte, ist Ver-
ständnis für seine Einstellungen.
Im Gespräch:
Faize Berger
Die selbstständige Unternehmensberaterin
im Bereich Healthcare gründete 1998 in
Ratingen die Faize Berger Management
Services. Sie war neun Jahre lang Mitglied
des Vorstands und Initiatorin sowie Koordina-
torin der Arbeitskreise bei der Türkisch-Deut-
schen Industrie- und Handelskammer e. V.
© Faize Berger Management Services
GESELLSCHAFT & KULTUR
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