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01|2016

Krieg führende, intelligente und autonome »Skynet« be-

schützt. »The Matrix«, der eine Zukunft zeigt, in der die

Menschen von Maschinen versklavt werden und – wäh-

rend ihre Körper in einer Nährflüssigkeit schwimmen –

mit ihrem Bewusstsein in der Matrix gefangen sind, in

einer Simulation der Welt des Jahres 1998. Viele, viele

Filme, in denen die Maschinen Bewusstsein erlangt ha-

ben und ihren Platz in der Gesellschaft beanspruchen

oder ihn sich erkämpfen. Filme, in denen das Bewusst-

sein von Menschen und Computern sich vermischt, in

denen Menschen sich in Simulationen befinden und

nicht wieder herausfinden, nicht zwischen real und irreal

unterscheiden können.

Schön ist es auf

der Welt zu sein …

Die Verdoppelung des Selbst ist einerseits ein großes

egozentrisches Update. Alles dreht sich um einen, wo

man gerade ist, was einem gefällt, was man so vorhat;

selbst die Fotos von angebissenen Pizzastücken oder

verlausten Babykatzen finden auf Facebook und Insta-

gram dankbare Abnehmer. Andererseits gilt die ganze

Konzentration ja nicht einem selbst, sondern vielmehr

dem verdoppelten Ich, dem Stellvertreter in der Simula-

tion, dem Datenschatten, Alter Ego, Avatar … Die Kon-

zeption des Ichs verändert sich damit schleichend. In-

dividualität, ein Kern der westlichen Philosophie, verliert

damit an Zuspitzung und wird zu einem eher diffusen

Konzept. Man gibt gewissermaßen einen Teil des Ichs

an die Cloud im Web ab, man verteilt sich.

Autor: Rüdiger Fischer,

Anders Björk GmbH.

Studium der Philosophie.

Autor, Künstler,

Werbetexter.

Das Web oder die Cloud ist ein Gedächtnisspeicher ge-

worden, ganz anders als das Lexikon im Bücherregal.

Was im Web steht, hätten wir auch selbst wissen kön-

nen, eigentlich ist das Web ja bereits ein Teil von uns,

was dort steht, das ist unser Wissen. Etwas auswendig

zu lernen ist so rührend altmodisch geworden wie Men-

schen, die anderen zur Begrüßung die Hand geben, Ri-

tuale und Gesten aus einem vergangenen Jahrtausend.

Faktenwissen ist für diejenigen, die bei Günther Jauch

beantworten können, wie oft Britney Spears verheiratet

war oder für die, die bei einem Gläschen Schampus aus

Marc Aurels Confessiones zitieren.

Die modernen Bildungseliten verfügen über Prozesswis-

sen. Ihr Credo ist der Wandel und die Wandlungsfähig-

keit. So müssen wir das vielleicht sehen: Die nächste

Stufe der menschlichen Evolution erfolgt in der digita-

len Welt. Sie ist das Ökosystem, in dem über Sein oder

Nichtsein entschieden wird. Konzepte wie Individualität

oder Realität haben dort nur bedingt Gültigkeit.

Individualität ist ein Gefühl, das wir irgendwann erwor-

ben haben. Wir können es auch wieder verlieren. Oder

aufgeben. Schließlich ist der Mensch doch eigentlich ein

Staatenwesen. Jede unserer 100 Billionen Körperzellen

kann auch – mit etwas Unterstützung - außerhalb unse-

res Körpers existieren. Wieso schließen diese Zellen sich

ausgerechnet zu mir zusammen, zu Rüdiger Fischer?

Warum nicht zu Peter Høeg oder Roy Black ? Was ge-

nau Individualität oder Realität für uns bedeuten, ist im

Wandel. Wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses.