Inform 1 / 2015
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01|2015

holgenuss nicht tiefer, sondern flacher schläft.

Dass man mit vollem Magen langsamer läuft.

Durch die intensive Nutzung von Computern

und Smartphones scheint unser Bezug zur Rea-

lität ein bisschen brüchig geworden zu sein. Wir

vertrauen weder unseren Sinnen noch unserem

gesunden Menschenverstand oder gar etwas so

Esoterischem wie der Intuition. Wie kalt ist es

draußen? Ich guck mal auf wetter.de. Wo bin ich

gerade? Mal Google Maps anwerfen. Wie geht

es mir heute? Einfach die persönlichen Tracking-

daten durchgehen. Man hätte ja auch einfach

mal die Nase zum Fenster raushalten, jemanden

nach dem Weg fragen oder in sich selbst hin-

einhören können. Stattdessen erwarten wir, dass

eine Software uns dabei unterstützt, ein besse-

rer Mensch zu werden. Denn genau das ist das

erklärte Ziel der Quantified-Self-Szene. So wie

Unternehmensberater das betriebliche Moni-

toring

3

über den Workflow

4

von Unternehmen

laufen lassen, um herauszufinden, wo Optimie-

rungspotenziale stecken, tun wir das bei uns

selbst. Wie können wir schneller und effektiver

arbeiten? Wir benchmarken uns selbst.

Aber wo sieht Quantified Self Optimierungs-

potenzial? Wann ist ein Mensch optimiert, wann

ist er also besser als zuvor? Ein Mensch ist dann

ein besserer Mensch, wenn er mehr Leistung

erbringen kann. Faulheit oder Muße, Zeitver-

schwendung und Überfluss sind Teufelswerk,

eine Sünde und in diesem Konzept nicht vorge-

sehen. Es muss schneller geschlafen und konzen-

trierter gearbeitet werden, man muss gesünder

essen, die Fitness steigern. Dem Feel-good-

Kapitalismus der 2010er-Jahre ist es gelungen,

dem Produktionsfaktor Mensch die Sehnsucht

danach einzupflanzen, optimal zu funktionie-

ren. Aber warum wollen wir wie Computer sein?

Warum verwandeln wir uns freiwillig in Tama-

gotchis, drücken auf Knöpfe, damit wir am Ende

des Tages zufrieden mit uns sein können?

CHARLES BUKOWSKI

MACHT KEIN SELF-TRACKING

Natürlich, der Mensch wollte noch niemals

einfach nur das sein, was er eben ist: ein Tier

mit ein wenig Verstand. Der Mensch brauchte

schon immer eine feste Grenze zu dem Tier in

sich. Er musste sein Menschsein erst entwickeln

und durch Kultur festigen. Das Tier musste erzo-

gen werden, und so gelangte die Askese zu ihrem

guten Ruf. Bildung, Kunst, Wissenschaft, Reli-

gion – alles, was uns vom Schrecken unserer

eigenen tierischen Wildheit entfernt, ist gut. Das

Gegenteil des Tieres in uns ist komplette Kon-

trolle, wie sie das Self-Tracking anstrebt. Viel-

leicht sind wir auf dem Weg dahin, endlich das

Tier in uns hinter uns zu lassen. Es wäre vernünf-

tig. Mehrere Langzeitstudien ergaben, dass die

Fähigkeit zur Selbstdisziplin in der Kindheit ein

sicheres Indiz für umfangreichen Erfolg im spä-

teren Erwachsenenleben darstellt.

5

Das Gegen-

teil von Selbstdisziplin ist Punk und Rock ’n’Roll.

Und vielleicht sogar Johann Sebastian Bach.

Das sieht jedenfalls Charles Bukowski so, selbst

auch kein großer Anhänger von Selbstdisziplin:

»Johann Sebastian Bach hatte zwanzig Kinder.

Tagsüber hat er auf Pferde gewettet, nachts hat

er sich fortgepflanzt und am Vormittag gesoffen.

Komponiert hat er zwischendurch.«

6

LEITFADEN FÜR EINSTEIGER

nn

Konzentrieren Sie sich zu Beginn auf einen

Bereich, den Sie verbessern möchten.

Fragen Sie sich, in welchem Bereich

Ihres Lebens Sie die größte Steigerung

Ihrer Lebensqualität erzielen könnten.

nn

Verpflichten Sie sich selbst, Ihre

Ergebnisse für mindestens 30Tage

aufzuzeichnen. Hierdurch erzielen

Sie erste Einsichten und haben eine

neue Gewohnheit entwickelt, die

Ihnen weitere Selbstbeobachtung

zukünftig noch einfacher macht.

nn

Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, Ihre

Aufzeichnungen zu reflektieren und

Zusammenhänge zu identifizieren.

Lernen Sie aus Ihren Daten und

entwickeln Sie eigene Ideen, welche

Maßnahmen zur Verbesserung Ihrer

Lebensqualität beitragen könnten.

nn

Testen Sie Ihre Annahmen. Verändern

Sie Ihr Verhalten, um in der Praxis

zu erproben, ob Sie den richtigen

Ansatz identifiziert haben. Können Sie

sich besser konzentrieren, wenn Sie

Tee, Kaffee oder Wasser getrunken

haben?Testen Sie es aus!

nn

Glückwunsch, jetzt haben Sie möglicher-

weise Ihr Leben verbessert. Sicher fallen

Ihnen weitere Bereiche ein, in denen Sie

etwas lernen und optimieren können.

Quelle: Igrowdigital.de

3

Systematische Erfassung

und Beobachtung.

4

Definierte Abfolge von

Tätigkeiten in einem

Arbeitsprozess.

5

Quelle: Dunedin-Studie

(dunedinstudy.otago.ac.nz/

news-and-events/article/6).

6

Aufgrund der derben

Wortwahl Bukowskis

wurde das Zitat von der

inform leicht abgewandelt.

Originalzitat aus »Du

machst es, wie du eine

Fliege killst: mit links«,

Charles Bukowski, 439

Gedichte. Zweitausendeins-

Taschenbuch Nr. 2, 2009.

ISBN 978-3-86150-902-8.

Seite 53 unter de.wikiquote.

org/wiki/Charles_Bukowski.

Autor: Rüdiger Fischer,

Anders Björk GmbH.

Studium der Philosophie.

Autor, Künstler, Werbetexter.

Versicherter der

BKK vor Ort seit 2004.