Inform 1 / 2014 - page 17

Wer erfand die ROTEN NASEN?
Horstkotte:
So ganz klar ist das nicht.
Der Name ROTE NASEN stammt
von einer österreichischen Organisa-
tion, aber hier in Berlin gab es einen
Vorläufer anderen Namens, der im
Grunde das gleiche Ziel verfolgte.
Und wie sind Sie persönlich zu den
ROTEN NASEN gekommen?
Ich gab Clownskurse für Laien. Eine
Frau, die den Kurs belegte, arbeitete
auf einer Krebsstation und interessier-
te mich für das Thema. Lachen und
Humor haben etwas mit Heilung zu
tun. Und mein Anliegen war es schon
immer, Kunst in den Alltag zu brin-
gen. Was ist da besser geeignet als ei-
ne Klinik? In der Klinik kommen alle
Menschen ungeachtet ihres sozialen
Status zusammen, Geschlecht, Religi-
on oder sexuelle Ausrichtung spielen
hier keine Rolle.
Die Menschen werden sich in der Kli-
nik bewusst, dass niemand ohne die
Hilfe der anderen auskommt, sie er-
kennen, dass niemand perfekt ist, son-
Im Gespräch:
Reinhard Horstkotte
Künstlerischer Leiter der
ROTEN NASEN Deutschland
dern dass das Leben aller Menschen
fragil ist. Für mich war das ein Ort,
der für einen Clown wie gemacht ist.
Denn auch der Clown, dieser verletz-
liche Charakter, nivelliert Unterschie-
de und spielt für alle und mit allen.
Wie belastend ist es für Sie persön-
lich, für Sterbende zu spielen?
Da gibt es eigentlich zwei Antworten,
eine philosophische und eine persön-
liche. Die philosophische Antwort ist:
Das Mysterium Tod ist für den Clown
etwas, das ihn neugierig macht. Er
fragt sich, was ist dann? Er geht unbe-
fangen mit dem Thema um – und das
tut den Patienten gut.
Die persönliche Antwort: Es starb ein
zwölfjähriger Junge, den ich bereits
seit sechs Jahren kannte, den ich im-
mer wieder im Krankenhaus besucht
und für den ich gespielt hatte. Er hat-
te an einer unheilbaren Stoffwechsel-
erkrankung gelitten, die auch seine
jüngere Schwester hat – wenngleich
in weniger ausgeprägter Form. Ich bin
zu seiner Beerdigung gegangen, nicht
Der Clown spielt mit allen
als Filou, der Clown, sondern als
Reinhard, der die Familie seit vielen
Jahren kannte. Die Mutter des Jungen
versank in ihrer Traurigkeit, und sie
nahm ihre Tochter, die mich anfangs
noch fröhlich als Filou begrüßt hatte,
dorthin mit. Ich wollte dann langsam
los und bemerkte in meiner Jacken-
tasche eine rote Clownsnase, die ich
dort vergessen haben musste. Erst
wollte ich sie ins Grab werfen, aber
dann hatte ich den Impuls, sie aufzu-
setzen. Ich drehte mich zu dem trau-
rigen Mädchen um und sah, wie sie
wieder anfing zu lächeln.
Gibt es auch Kinder, die keinen
Clown wollen?
Klar, und das ist eigentlich auch eine
gute Sache. Kinder haben im Kran-
kenhaus überhaupt keinen Spielraum,
in dem sie etwas entscheiden dürfen.
Alles wird mit ihnen gemacht, für sie
entschieden. Aber sie haben die Frei-
heit, den Clown wegzuschicken. Oft
werden sie aber doch neugierig, wenn
ich, ohne zu insistieren, gehe, und es
kommt zum Dialog.
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