Autor: Rüdiger Fischer
Studium der Philosophie.
Autor, Künstler,
Werbetexter.
Versicherter der
BKK vor Ort seit 2004.
Plagiatoren jagen ist edel und gut und erfordert
weder Pfeil noch Bogen, sondern lediglich eine
Standardsoftware und ein bisschen Zeit. Für weni-
ger ist das Gefühl moralischer Überlegenheit kaum
zu bekommen. Und die Plagiatsjäger waren erfolg-
reich. Sie erwischten Silvana Koch-Mehrin, Jorgo
Chatzimarkakis und Annette Schavan.
Bei der Anfertigung von Promotionen hängen die
Trauben tatsächlich erstaunlich niedrig. Die Dar-
legung einer bestimmten Position innerhalb der
Forschung ist zumeist ausreichend. Man zitiert ver-
schiedene Quellen und setzt Positionen und Aus-
sagen zueinander in Beziehung. Hier liegt es nahe,
eine fremde Meinung als die eigene auszugeben.
Das ist noch nicht einmal unbedingt bös gemeint.
Doktoranden lesen so viel, dass sie manchmal
einfach vergessen, wer einen Gedanken ursprüng-
lich entwickelt hat. Der Satz des Pythagoras zum
Beispiel könnte auch von mir sein, finde ich. Ist
er aber nicht, und an dieser Stelle ist der Dokto-
rand zur Sorgfalt verpflichtet. Kommt er dieser
Verpflichtung nicht nach, ist er schlampig. Annette
Schavans Doktorarbeit wurde so beschrieben. Gut-
tenbergs Doktorarbeit hingegen wird als bewusste
Täuschung angesehen. Das sind zwei verschiedene
Paar Schuh
1
.
Inquisition
und Demaskierung
Die Motivation für den Betrug bei der Promotion
ist leicht nachzuvollziehen. Jeder, der in der Schule
abgeschrieben hat – sei es bei einer Klassenarbeit
oder sogar nur einer Hausaufgabe –, hat genau das
Gleiche getan. Man schummelt halt ein bisschen.
Manche mehr, manche weniger, und nur Einzelne
machen da überhaupt nicht mit.
Schwieriger ist die Frage, was die Jäger der Plagia-
toren antreibt. Der Plagiator hat sich zweifelsohne
einer moralischen Verfehlung schuldig gemacht.
Ohne die Arbeit der Plagiatsjäger bliebe diese Ver-
fehlung unentdeckt. Die wahre Natur käme nicht
ans Licht der Öffentlichkeit. Es geht hier also um
eine Demaskierung – eine klassische Disziplin der
Inquisition –, und zwar ausgerechnet auf dem Fel-
de der Gesellschaft, auf welchem das Tragen einer
Maske geradezu Vorschrift ist: der Politik.
Wenn sich ein Politiker an die Öffentlichkeit wen-
det, sich also vor das Mikrofon und die Kamera be-
gibt, erinnert er sich stets an sein Medientraining.
Er setzt sein Lächeln oder wahlweise ein besorgtes
Gesicht auf und bemüht sich, nichts Verbindliches
zu sagen, nichts, auf das ihn später irgendjemand
festnageln könnte. An der anderen Seite der Lei-
tung sitzt der Bürger und fühlt sich verhohnepipelt.
Er ist Opfer einer asymmetrischen Kommunikati-
on und fragt sich, was aus dem herrschaftsfreien
Diskurs nach Habermas geworden ist. Oder an-
ders formuliert: Keine Sau sagt ihm, was eigentlich
wirklich los ist.
Dass daraus Frustration und ein Groll gegen die
Führungselite erwachsen, kann niemanden ver-
wundern. Der Plagiatsjäger scheint weniger nach
Gerechtigkeit zu streben als vielmehr nach Rache.
Der Verstoß des Plagiators gegen die Promotions-
ordnung dient ihm nur als Anlass, den Kopf des
Königs zu fordern, also den Sturz eines Vertreters
der herrschenden Klasse zu betreiben.
Moralische Empörung als
Indikator gesellschaftlicher
Veränderungen
Moralische Empörung ist ein Instrument der Aus-
grenzung. Der moralisch Empörte behauptet: Du
gehörst nicht zu unserer Gemeinschaft, weil du de-
ren Regeln missachtest. Er erzählt uns also etwas
über den gegenwärtigen Zustand unserer Gesell-
schaft. Interpretiert man die Wellen der morali-
schen Empörung, erhält man ein Bild gesellschaft-
licher Veränderungen.
Die Plagiatsdebatte weist darauf hin, dass unsere
Gesellschaft mehr Wahrheit und mehr Wahrhaftig-
keit vom leitenden Personal der Republik einfor-
dert. Es gibt andere Debatten und andere Formen
der Empörung, man denke nur an Stuttgart 21,
an Vegetarismus und ATTACK, an Occupy oder
#Aufschrei. Es gibt zurzeit offenbar ein großes
Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen. Ich
bin gespannt, wie sich die Dinge entwickeln.
1
In diesem Zusammenhang ist Ludwig Wittgensteins Vorwort zu seinem „Tractus
Logico Philosophicus“ bemerkenswert: „… Wieweit meine Bestrebungen mit de-
nen anderer Philosophen zusammenfallen, will ich nicht beurteilen. Ja, was ich hier
geschrieben habe, macht im Einzelnen überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit;
und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist ob das was
ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat …“ Im Übrigen promovier-
te Wittgenstein mit dieser Schrift am Trinity College im Cambridge.
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