01|2013
Die Entstehung
moderner Regeln
Ein herausragendes Merkmal westlicher Zivilisati-
onen ist das Streben nach Individualität. Der Wert
der Gemeinschaft ist nachrangig. Man lebt nicht
mehr mit der Familie für immer und ewig unter
einem Dach, und dem Patriarchen schulden weder
Kinder noch Ehefrau Gehorsam. Die alten Bindun-
gen zerfallen, weil sie nicht mehr benötigt werden.
Der Staat sorgt für einen, wenn man krank, alt
oder arm ist. Und er verlangt dafür keine Gegen-
leistung. Es ist egal, ob man wählt, wie man wählt,
ob man arbeitet oder ob man kriminell geworden
ist – der Staat sorgt für einen. Diese Befreiung vom
Gehorsam ist eine großartige zivilisatorische Leis-
tung. Eine Leistung, die in anderen Teilen der Welt
nicht so leicht gelingt.
Der Wunsch, das Richtige zu tun, ist deshalb nicht
verschwunden. Was richtig und was falsch ist, ist
immerzu Gegenstand von Selbstbefragung und
dem Gespräch mit anderen. Auch wenn wir ohne
die Gemeinschaft anderer leben könnten, wollen
wir das ja nicht unbedingt. Wir wollen Teil davon
sein, und das können wir nur, wenn wir die Regeln
diskutieren und befolgen. Wer heutzutage die 200
Meter zum Bäcker mit dem Auto fährt und dann
beim Einkaufen womöglich noch den Motor lau-
fen lässt, hat moralisch gesehen richtig schlechte
Karten. Alles, was mit Ökologie zu tun hat, ist ein
heißes Eisen, und Männer, die sich die Welt unter-
tan machen wollen, haben es nicht leicht in diesen
Zeiten.
Ein anderes Feld moralischer Empörung ist ausge-
rechnet das Urheberrecht. Hier sind die Meinun-
gen noch nicht ganz ausgereift, wie es scheint. So
kämpfen mitunter die gleichen Personen für eine
Lockerung des Urheberrechts (also die Straffrei-
heit des Raubkopierens von Filmen, Musik und
Büchern) und die strafrechtliche Verfolgung von
Plagiatoren – also Menschen, die es mit dem Urhe-
berrecht nicht so genau nehmen.
Du sollst
nicht stehlen
Karl Theodor zu Guttenberg gibt eine schriftliche
Erklärung ab: „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit
sei ein Plagiat, ist abstrus. (...) Die Anfertigung die-
ser Arbeit war meine eigene Leistung.“
Das war so nicht ganz richtig, deshalb trat Gutten-
berg zurück und einen längeren USA-Aufenthalt
an. Mit der Guttenberg-Affäre kam ein Stein ins
Rollen. Der Plagiatsjäger war geboren und fühlte
sich als eine Art Robin Hood berufen, die Entrech-
teten zu rächen und die Bösen zu Fall zu bringen.
Das Schöne daran ist, dass jeder mitmachen darf.
© Camrocker/photocase.com
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