Die Deutsche Gesellschaft für Or-
thopädie und Orthopädische Chir-
urgie (DGOOC) ist Mitherausgeber
eines Versorgungsatlasses. Nir-
gendwo – außer in der Schweiz –
gibt es mehr Hüft- und Kniegelenk-
ersatz-Operationen als in Deutsch-
land. Ist die Anzahl der Operationen
also allein vom Geld abhängig, das
ins Gesundheitssystem fließt und
„abgeschöpft“ werden will?
Prof. Niethard:
Das kann man so
generell nicht sagen. Aber in jedem
Fall ist die Qualität der medizinischen
Versorgung vom Wohlstand der Gesell-
schaft abhängig. In der Schweiz und in
Deutschland ist der medizinische Stan-
dard sehr hoch, weil dieser Standard
einfach von der Bevölkerung erwartet
wird. In anderen Ländern steht weniger
Geld für Gesundheit zur Verfügung, und
deshalb gibt es dort weniger Operatio-
nen und eine allgemein weniger hoch-
wertige medizinische Versorgung.
Bei Hüft- und Kniegelenkersatz-
Operationen fand zwischen 2003
und 2005 ein deutlicher Anstieg
statt, also zu Zeiten der Einführung
des Fallpauschalensystems in den
Krankenhäusern. Ist damit die maxi-
male Kapazität erreicht, oder müs-
sen wir uns auf einen weiteren An-
stieg gefasst machen, etwa wenn
die geburtenstarken Jahrgänge ins
richtige Alter für eine Endoprothese
kommen?
Der Anstieg der Hüftoperationen ist
zu einem gewissen Teil auch Behand-
lungen geschuldet, die vor rund 50
Im Gespräch:
Prof. Dr. Fritz Uwe Niethard
ehemaliger Direktor der Orthopädischen
Klinik und Poliklinik, Uniklinik Aachen
Jahren bei angeborenen Hüftfehlstel-
lungen durchgeführt wurden – damals
nach dem Stand der Technik, heute
jedoch können wir dort nachbessern.
Heutzutage verfügen wir über eine
wesentlich bessere Früherkennung von
Hüftfehlstellungen bei Neugeborenen,
sodass wir sofort Maßnahmen einleiten
können, die eine Operation vermeiden
helfen. Insgesamt aber wird der demo-
grafische Wandel natürlich weiterhin
seinen Tribut fordern.
Dem Versorgungsatlas zufolge gibt
es einen auffälligen Anstieg bei
Rücken-OPs. Es wird mehr operiert,
als nötig wäre, sagen Sie. Der
Grund dafür sei allein, dass die
Krankenhäuser mit Rücken-OPs viel
Geld verdienen können.
Hier gibt es in der Tat Fehlanreize im
System. Diese werden durch eine Grau-
zone begünstigt. Denn wenn ein Pati-
ent mit Rückenschmerzen in die Praxis
kommt, habe ich als Arzt einen sehr
großen Spielraum. Ich kann ihn kon-
servativ ohne OP behandeln oder ihn
operieren. Langzeitstudien zeigen, dass
beide Methoden in vielen Situationen
vergleichbare Ergebnisse liefern. Aber
der finanzielle Anreiz liegt eben bei der
Operation. Ich gebe Ihnen ein Beispiel:
Ein Orthopäde, der einen Patienten mit
Rückenproblemen konservativ behan-
delt, erhält dafür 30 Euro im Quartal,
also 120 Euro im Jahr. Eine Rücken-
operation kostet rund 12.000 Euro.
Von diesem Geld könnte man also 100
Patienten ein Jahr lang behandeln.
»Die Qualität der medizinischen Versorgung
ist vom Wohlstand der Gesellschaft abhängig.«
Wenn bei mir eine Rücken-OP an-
stünde, wem kann ich dann noch
vertrauen? Wie soll ich mich ver-
halten?
Die Krankenkassen haben dieses Pro-
blem ja auch erkannt und raten dazu,
eine zweite Meinung einzuholen. Das
halte auch ich für wichtig, denn ge-
rade bei Rückenbeschwerden ist die
Behandlung ganz stark von den indi-
viduellen Umständen abhängig. Wer
jeden Tag körperlich arbeiten muss, ist
natürlich weniger für eine konservative
Behandlung (bei der er mitarbeiten
muss) prädestiniert als jemand, der sich
körperlich schonen kann.
Wie kann man solche Entwicklun-
gen vermeiden? Muss das Fallpau-
schalensystem überdacht werden?
Ich halte es für unwahrscheinlich, dass
das gesamte System der Fallpauscha-
len auf den Prüfstand kommt. Viel wich-
tiger ist es, dass wir prozessorientiert
arbeiten, in sogenannten Versorgungs-
ketten. Bislang arbeiten viele Praxen
und Krankenhäuser noch überwiegend
isoliert. Patientendaten werden immer
wieder neu erhoben und Untersuchun-
gen werden wiederholt. Wenn wir aber
die Behandlung mit dem Ziel, gesund
zu werden, als Prozess betrachten,
rückt der Patient automatisch in den
Mittelpunkt und die Methode (also die
Medizin) in den Hintergrund.
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